Toidemar und die weiße Schwänin

Weshalb die Stiefmutter ihren Stiefsohn Toidemar nicht leiden mochte, wusste niemand zu sagen. Tag und Nacht ließ sie ihn die schwersten Arbeiten verrichten.

Sobald der Schnee im Frühling schmolz, ging Toidemar aufs Feld, um zu pflügen und Hafer zu säen.

Außer den Kränkungen und ewigen Vorwürfen, die er täglich zu hören bekam, gab es nichts, woran er sich später hätte erinnern können, höchstens wie die Saaten als grüner Teppich aufgingen, wie sein Feld vor dem Gewitter im Sommerwind wogte und wie sich alsdann der reife, goldbemützte Hafer vor ihm neigte, um für Pflege und Fürsorge zu danken.

Aber Toidemar war nicht der einzige, der häufig aufs Feld kam. Einmal entdeckte er Spuren am Rain, die ihn zum See führten. Er legte Schlingen aus und fing eine weiße Schwänin, deren Fuß blutete. Er brachte sie heim, legte Wegerich auf die Wunde und verband sie.

Sobald Toidemar das Haus verließ, packte die Schwiegermutter die Schwänin, rupfte sie und warf die Federn in den Ofen.

Toidemar klagte und weinte und eine Träne fiel auf die Schwänin, die sich plötzlich in ein wunderschönes Mädchen mit einer langen Flechte verwandelte.

Toidemar nahm das Mädchen bei der Hand und sagte: „Zürnt nicht Vater und Stiefmutter, segnet uns!“

Der Stiefmutter blieb das Wort im Halse stecken.

Der Vater aber segnete die beiden. Dem Mädchen wurde ein weißes Brautgewand angelegt und rote Stiefelchen angezogen. Auf den Kopf setzte man ihr ein silberbesticktes, leuchtend grünes Mützchen. Neben ihr saß Toidemar in einem bestickten, weißen Hemd, das mit einen blauen Band gegürtet war.

Nun feierten sie Hochzeit.

Toidemar ging es jetzt gut. Keine Kränkung der Stiefmutter konnte die Liebe zu seiner schönen jungen Frau trüben. Er wusste sich nicht zu lassen vor Freude über ihre Anmut, ihren Liebreiz.

Die Schwanenjungfrau aber litt Kummer. Sie Stiefmutter konnte die Schwiegertochter nämlich nicht leiden. Immerfort trieb sie sie bei der Hausarbeit an und gönnte ihr keine Ruhe. Von früh bis spät musste sich die junge Frau abmühen. Aber nicht die Arbeit quälte sie, sondern die Kränkung.

Eines Tages sagte sie zu Toidemar: „Liebster, wie schwer und ungemütlich ist das Leben auf der Erde. Lass uns doch zu meinen Geschwistern, den Schwänen, davon fliegen.“ „Wir Menschen sind nicht Vögel“, konnte Toidemar nur voller Schwermut antworten. Eines frühen Morgens schickte die Stiefmutter die Schwiegertochter nach Wasser zum Waldquell. Dort angekommen , stimmte die Schwanenjungfrau ein trauriges Lied an.

Die weißen Schwäne hörten sie singen, kamen zu Schwester geflogen und warfen ihr jeder eine Feder herunter. Sie sammelte die Federn ein und verbarg sie unter einem Tannenbäumchen.

Am nächsten Morgen ging sie wieder zum Waldquell. Die böse Schwiegermutter freute sich über ihren Eifer, Toidemar jedoch machte sich Sorgen, weshalb seine Liebste wieder so lange ausblieb.

Am dritten Morgen fiel Toidemar auf, dass seine Frau ihn so schwermütig anblickte, so, als wolle sie von ihm für immer Abschied nehmen. Sacht berührte sie ihn mit den Lippen, ging still hinaus und begab sich mit den Eimern wieder in den Wald.

Toidemar folgte ihr, verbarg sich an der Quelle und sah seine Frau die Federn einsammeln, worauf sie sich erneut in die Schwänin verwandelte.

Toidemar sprang auf, aber zu spät. Die Schwänin regte die Schwingen und flog davon. Da begriff er, dass er ohne seine Geliebte nicht leben könnte. Sein Wunsch, mit ihr davon zu fliegen, war so übermächtig, dass er in Tränen ausbrach.

Die Schwäne hörten ihn weinen, kehrten um, warfen ihm jeder eine Feder herunter und auf einmal erfüllte sich Toidemars Wunsch: Er verwandelte sich in einen schneeweißen Schwan.

Der Schwanenzug schwang sich in die Höhe und verschwand in den Wolken.