Der Lama-Kater

Ein Kater hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, einen Lama-Mönch zu bestehlen. Eines Tages trug er ihm sogar seinen Rosenkranz fort. Der Lama rannte dem Kater hinterher, bekam ihn am Schwanz zu packen und zerrte so heftig daran, dass er den Schwanz abriss.
Der Kater fühlte sich ohne seinen Schwanz ganz krank. Er hängte sich den Rosenkranz um den Hals und blieb ein paar Tage regungslos sitzen, als wollte er den Freuden und Genüssen der Welt für immer den Rücken zukehren. Eine Maus sah ihn, erschrak und wollte schon die Flucht ergreifen. Der Kater rief mit süßer Stimme: „Maus, fürchte dich nicht vor mir!” Der Kater wies auf seinen Rosen­kranz. „Sieh doch, ich habe ein Gelübde abgelegt. Von nun an werde ich kei­nem Lebewe­sen etwas Böses zufügen. Und ihr Mäuse solltet auch nicht mehr an ir­dische Dinge den­ken! Betet lieber, wie ich es tue!” Die Mäuse glaubten dem Kater und sprachen ein Gebet. Der Kater sagte zu ihnen: „Lauft nun hintereinander im Kreis um mich herum, ihr Mäuse, und geht dann auseinander, eine jede in ihr Loch!” Als die letzte Maus an dem Kater vorüber kam, packte er sie und fraß sie auf. So trieb er es von nun an jeden Tag.
Die Mäuse rätselten, warum es immer weniger Mäuse gab, und Gemurre wurde laut. Da versammelte eine alte Maus, die Verdacht geschöpft hatte, ihre Brüder und Schwestern und sprach: „Wir wollen dem Kater ein Glöckchen um den Hals hängen! Wenn ihr es nach un­serer An­dacht läuten hört, so dreht euch schnell um und seht, was der Fromme macht!”
Alsbald schleppten die Mäuse ein Glöckchen herbei und brachten es dem Kater feierlich als Geschenk dar: „Das ist für Euch, verehrter Lehrer!” sagte sie und hängten ihm das Glöck­chen um den Hals. Nach dem Gebet liefen sie wie gewohnt zu ihren Löchern, als plötzlich das Glöckchen er­tönte. Da kehrten sie um und sahen, wie der Kater eine Maus fraß, die nicht aufgepasst hatte. Da sprach die alte Maus: „Verehrter Lehrer, Ihr seid in letzter Zeit so dick geworden. Von Gras allein nimmt man nicht so zu!”
Und die Mäuse zogen in eine andere Gegend – weit fort von dem Kater.

Benno Pludra: „Märchen von Freunden“, Der Kinderbuchverlag, Berlin, 1986

Fassung: Bettina von Hanffstengel