Das Federchen von Finist, dem hellen Falken

20. Dezember

Das Federchen von Finist, dem hellen Falken (1. Teil)

21. Dezember

20. Dezember

Es lebten einmal ein alter Mann und eine alte Frau, die hatten drei Töchter. Die Älteste und die Mittlere drehten und wendeten sich den lieben, langen Tag vor dem Spiegel, die Jüngste aber half bei der Hausarbeit und alles ging ihr flink von der Hand. Außerdem war sie so schön, dass es kein Märchen zu sagen, keine Feder beschreiben kann: ihre Brauen, schwarz und dicht, die Augen, hell und licht, und der blonde Zopf, der ganze Stolz des Mädchens, hing ihr bis in die Kniekehlen.
Einmal wollte der Alte in die Stadt auf den Jahrmarkt fahren und wandte sich an seine Töchter: „Meine lieben Töchter, sagt mir, was braucht ihr? Ich kaufe euch alles auf dem Jahrmarkt.“

Die Älteste bat:„Lieber Vater, kaufe mir rote Seide für ein neues Kleid!“
Die zweite bat: „Väterchen, bitte, kauf mir himmelblaue Seide für ein neues Kleid!“
„Und was willst du, mein Lieblingskind?“
Die Jüngste sagte: „Kauf mir ein rotes Blümelein.“
Der Alte lachte über seine jüngste Tochter: „Du dummes Kind, was machst du mit dem roten Blümchen? Was kann es dir nützen? Ich kaufe dir lieber schöne Kleider!“
Was er auch sagte, er konnte es ihr nicht ausreden, sie wollte nur ganz allein das rote Blümelein.

Der Alte fuhr auf den Jahrmarkt, kaufte der einen mohnrote Seide für ihr Kleid, der zweiten himmelblaue Seide, aber das rote Blümelein konnte er in der ganzen Stadt nicht finden. Gerade als er heimkehren wollte, begegnete ihm ein fremdes altes Männchen, das trug ein rotes Blümchen in der Hand: „Alterchen, verkauf mir die Blume!“ – „Die Blume ist nicht zu verkaufen. Es ist eine Zauberblume und du musst mir schwören, dass deine jüngste Tochter meinen Sohn, den hellen Falken Finist, heiratet. Dann bekommst du sie umsonst.“
Der Alte überlegte: „Nehme ich das Blümlein nicht, so wird meine Tochter traurig sein. Nehme ich es, so muss sie Gott weiß wen heiraten!“ Er sann und sann und endlich nahm er das Blümchen doch. Er dachte: „Das wird schon gut ausgehen. Wenn der Freier später kommt und schlecht ist, kann ich noch immer nein sagen.“

Zu Hause gab der Vater der ältesten Tochter die mohnrote Seide für ihr Kleid, der zweiten die himmelblaue Seide und der Jüngsten das Blümchen und sprach zu ihr: „Nicht lieb ist mir das Blümelein, gar nicht lieb.“ Und dann flüsterte er ihr ins Ohr: „Es ist ein Zauberblümchen. Es war nicht zu verkaufen. Der fremde alte Mann hat es mir nur unter der Bedingung gegeben, dass ich dich mit seinem Sohn, dem hellen Falken Finist, zur Frau gebe.“
„Sei nicht traurig, Väterchen. Er ist gut und freundlich: Als heller Falke fliegt er durch die Luft und kaum berührt er die feuchte Erde, so wird ein kühner Jüngling aus ihm.“ – „Ja kennst du ihn am Ende schon?“ – „Ich kenne ihn schon, Väterchen. Am vergangenen Sonntag war er in der Messe und sah mich immer an. Ich habe auch mit ihm gesprochen. Er liebt mich, Väterchen.“
Der Alte schüttelte seinen Kopf, sah seine Tochter durchdringend an und schlug das Kreuz über sie und sagte: „Geh in dein Kämmerchen, mein liebes Töchterchen. Es ist Schlafenszeit. Der Morgen ist klüger als der Abend, da werden wir überlegen.“
Das Mädchen sperrte sich in ihrem Kämmerchen ein, setzte das Blümelein ins Wasser, öffnete das Fenster und blickte in die blaue Ferne. Sie sah nicht von woher, aber plötzlich erschien der helle Falke Finist mit dem bunten Gefieder, flatterte durchs Fenster, schlug auf den Fußboden auf und wurde ein Jüngling. Das Mädchen erschrak. Als er aber begann mit ihr zu sprechen, wurde ihr unsagbar wohl und fröhlich ums Herz. Bis zum Morgen sprachen sie miteinander. Was? Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass Finist der helle Falke mit dem bunten Gefieder sie küsste, als es hell wurde:

„Jede Nacht, wenn du das rote Blümelein
stellst in dein Fensterlein,
flieg ich zu dir herein,
du Liebste mein!

Hier hast du ein Federchen aus meinem Flügel. Wenn du etwas brauchst, um dich schön zu kleiden und zu schmücken, geh vors Haus hinaus und schwenk das Federchen nach rechts, dann erscheint gleich alles, was dein Herz begehrt.“
Er küsste sie noch einmal, verwandelte sich in einen hellen Falken und flog fort in den dunklen Wald. Das Mädchen sah ihrem Liebsten nach, schloss das Fenster und legte sich schlafen.

Seit jener Nacht stellte sie jeden Abend das rote Blümelein ins offene Fenster und der edle Jüngling, Finist der helle Falke, kam geflogen.
So wurde es Sonntag. Die älteren Schwestern schmückten sich zum Kirchgang und sagten zu der Jüngsten: „Welches Kleid wirst du anziehen? Du hast ja nichts Neues.“ – Aber die Jüngste antwortete: „Das macht nichts, ich bete zu Hause.“
Die Schwestern gingen zur Kirche, während die Jüngste in ihrem schmutzigen Kleid am Fenster saß und zusah, wie die Leute in die Kirche gingen. Sie wartete eine Weile, trat dann vors Haus und winkte mit der bunten Feder nach rechts. Da erschien plötzlich ein Wagen aus Kristall vor ihr, mit Pferden und Dienerschaft und Kleidern und allerhand Schmuck aus teuren Edelsteinen. In einer Minute war das schöne Mädchen angezogen, saß im Wagen und fuhr in die Kirche. Das Volk sah die Schönen und staunte. „Schau doch, da kommt sicher eine Zarewna gefahren!“ So sprachen die Leute untereinander.

Vor dem Schlussgesang verließ das schöne Mädchen die Kirche und fuhr wieder heim. Als die Leute aus der Kirche kamen und nach ihr ausschauten,
da war sie lange fort,
da war es zu spät
und ihre Spur verweht.

Kaum heimgekehrt, winkte sie mit der Feder nach links und sofort kamen die Diener wieder, kleideten sie aus und verschwanden mit Wagen und Pferden.
Sie setzte sich ans Fenster wie vordem,
als wäre nichts geschehen
als hätte sie nur zugesehen,
wie andere Leute in die Kirche gehen.

Die Schwestern kamen heim und erzählten: „Schwesterchen, eine Schönheit war in der Kirche, einfach eine Pracht. Man könnte sie im Märchen nicht beschreiben, mit der Feder nicht schildern. Sie muss eine Zarewna aus fremdem Land gewesen sein, so üppig und prächtig war sie gekleidet.“
Am nächsten und am dritten Sonntag täuscht das schöne Mädchen die Leute, ihre Schwestern und ihre Eltern wieder. Das letzte Mal aber vergaß sie eine diamantene Nadel aus ihrem Zopf zu nehmen und als die älteren Schwestern aus der Kirche kamen und der Jüngsten von der schönen Zarewna erzählen wollten, blitzte ihnen aus den Haaren der Schwester wie Feuer die Brillantnadel entgegen. Die Mädchen schrien: „Ach Schwesterchen, was hast du da? Gerade so eine Nadel hatte heute die Zarewna in ihrem Zopf. Woher hast du sie?“ – „Ach!“ Das schöne Mädchen lief in ihr Kämmerchen. Die Schwestern fragten sie aus, rieten und flüsterten immerfort über sie, aber die Jüngste schwieg und lachte insgeheim. Die älteren Schwestern lauerten ihr aber auf, horchten nachts an ihrer Kammertür, bis sie einmal ein Gespräch mit Finist, dem hellen Falken,  belauschten und am Morgen mit ihren eigenen Augen sahen, wie er aus ihrem Fenster in den dunklen Wald davon flog.

Schlecht waren die älteren Schwestern. Sie beschlossen, am Abend Messer ins Fenster zu stecken, damit Finist, der helle Falke, seine bunten Flügel daran verletze. Wie gedacht, so getan. Die Jüngste ahnte nichts, stellte ihr rotes Blümelein ins Fenster, legte sich in ihr Bett und schlief fest ein. Finist der Falke flog zum Fenster herein und zerschnitt sich das linke Füßchen. Das schöne Mädchen wusste es nicht, sie schlief so süß und ruhig. Zornig flog der Falke zum Himmel auf, fort in den dunklen Wald.
Am Morgen erwachte das schöne Kind, sah nach allen Seiten, es war schon hell und der wackere Jüngling nicht da. Wie sie an das Fenster trat, sah sie da kreuzweis gesteckt scharfe Messer und rotes Blut tropfte von ihnen auf das Blümelein herab.
Viele bittere Tränen weinte da das Mädchen, und sie verbrachte viele schlaflose Nächte am Fenster ihres Kämmerleins, oftmals schwenkte sie die Feder – aber umsonst. Finist, der helle Falke, kam nicht geflogen und schickte seine Diener auch nicht. Mit Tränen in den Augen ging sie endlich zu ihrem Vater und bat ihn um seinen Segen. „Geh, wohin du willst!“

Sie ließ drei Paar eiserne Stiefel machen, drei eiserne Wanderstäbe, drei eiserne Kappen und drei eiserne geweihte Brote. Ein Paar Schuhe zog sie an, eine Kappe stülpte sie auf, einen Stab nahm sie zur Hand und so zog sie nach jener Seite fort, nach welcher der Falke stets davon flogen war.

21. Dezember

2. Teil

Sie wanderte durch den dichten Wald, über Wurzeln und Bäche, über Stock und Stein, bis die eisernen Schuhe durchgetreten waren, die Mütze vertragen, das Brot verzehrt und der Stock zerbrochen, aber das schöne Mädchen wanderte noch immer weiter und weiter und der Wald wurde immer schwärzer und dichter. Plötzlich sah sie vor sich ein eisernes Hüttchen stehen, auf Hühnerfüßen und sich drehen.

Das Mädchen sprach:

„Hütte, Hütte, stehe still,
wie’s die alte Mutter will:
Den Rücken jetzt zum Walde dreh,
damit ich durch die Türe geh.“

Das Hüttchen wandte sich zu ihr, da trat sie ein und fand Baba Jaga darin, von einem Eck ins andere gestreckt, die Lippen auf dem Ofen, die Nase an der Decke. „Pfui, pfui, früher habe ich von Russen niemals etwas gesehen, noch je von ihnen gehört, und jetzt streift einer durch die weite Welt, erscheint vor meinen Augen, drängt sich mir vor die Nase. Wohin geht der Weg, schönes Mädchen? Gehst du zum Vergnügen oder aus Pflicht?“ – „Mütterchen, Finist der helle Falke mit dem bunten Gefieder war bei mir. Meine Schwestern haben ihm Böses angetan. Jetzt suche ich Finist, den hellen Falken.“ – „Weit musst du da noch gehen, Kind, noch durch dreimal neun Länder. Finist, der helle Falke mit dem bunten Gefieder wohnt im fünfzigsten Reich, in der achtzigsten Herrschaft und freit eben um eine Zarewna.“

Baba Jaga gab dem Mädchen zu essen und zu trinken, was sie gerade hatte, und brachte sie zur Ruhe. Am nächsten Morgen, als der Tag kaum graute, weckte die Alte das schöne Kind und gab ihm ein kostbares Geschenk, – einen goldenen Hammer und zehn Nägelein aus Brillianten: „Kommst du ans blaue Meer, so wird die Braut von Finist, dem hellen Falken, gerade am Ufer spazieren gehen. Nimm dein Hämmerlein und schlage auf die Nägelein, sobald sie dich sieht. Sie wird beides dir abkaufen wollen. Du aber, schönes Mädchen, nimm nichts dafür an, verlange nur, Finist den Falken, sehen zu dürfen. Jetzt geh mit Gott zu meiner zweiten Schwester.“

Das schöne Mädchen ging wieder weiter durch den dunklen Wald, immer weiter und weiter und der Wald wurde immer schwärzer und dichter. Die Wipfel reichten bis zum Himmel. Das zweite Paar Schuhe war durchgetreten, die zweite Mütze vertragen, das zweite Brot aufgegessen, die zweite Krücke zerbrochen, – da sah das Mädchen ein Hüttchen stehen, auf Hühnerfüßen und sich drehen und sprach:

„Hütte, Hütte, stehe still,
wie’s die alte Mutter will:
Den Rücken jetzt zum Walde dreh,
damit ich durch die Türe geh.

Ich will hinein und um Brot bitten.“

Das Hüttchen machte halt, den Rücken zum Wald. Das Mädchen trat ein, da lag Baba Jaga von einem Eck bis zum andern, die Lippen über dem Ofen, die Nase an der Decke. „Pfui, pfui, pfui! Ich habe bis jetzt noch nie von einem Russen etwas gesehen, etwas gehört, und jetzt streift gar ein Russe durch die weite Welt. Schönes Mädchen, wohin geht der Weg?“ – „Mütterchen, ich suche Finist den Falken.“ – „Der will eben heiraten, heute ist sein Polterabend.“ Sie gab dem Mädchen zu essen und zu trinken und legte sie schlafen. Am nächsten Morgen, da es gerade hell wurde, weckte sie das Mädchen und gab ihm ein goldenes Schüsselchen und Kügelchen aus Brillanten. „Kommst du ans blaue Meer, dann lass die Kügelchen auf dem Schüsselchen rollen. Die Braut von Finist dem Falken wird zu dir treten, um Schüsselchen und Kügelchen dir abzukaufen. Nimm du nichts an dafür, bitte nur, Finist, den hellen Falken mit dem bunten Gefieder sehen zu dürfen. Jetzt geh mit Gott zu meiner ältesten Schwester.“

Wieder ging das schöne Mädchen durch den finstren Wald, immer weiter und weiter, und der Wald wurde dunkler und dichter. Das dritte Paar Schuhe war vertreten, die dritte Mütze vertragen, das dritte Brot gegessen, der dritte Stock zerbrochen, da sah sie ein eisernes Hüttchen stehen, auf Hühnerfüßen und sich drehen. Sie sprach:

„Hütte, Hütte, stehe still,
wie’s die alte Mutter will:
Den Rücken jetzt zum Walde dreh,
damit ich durch die Türe geh.

Ich will hinein steigen, um Brot bitten.“

Die Hütte drehte sich um und blieb stehen. Baba Jaga lag wieder von einem Eck zum anderen, die Lippen über dem Ofen, die Nase an der Decke. „Pfui, pfui, pfui, früher habe ich von Russen niemals etwas gesehen und nie etwas gehört, und jetzt geht einer in der weiten Welt einher. Schönes Mädchen, wohin führt der Weg?“ – „Mütterchen, ich suche Finist den hellen Falken.“ – „Ach, schönes Mädchen, schon hat er die Zarewna geheiratet! Da hast du mein schnelles Pferd, steig auf und reite zu ihm mit Gott.“ Das Mädchen stieg auf und ritt fort und der Wald wurde lichter, immer lichter.

Da lag plötzlich das blaue Meer vor ihr, breit und lang, und in der Ferne glühten wie Feuer die goldenen Spitzen weißsteinerner Türme. „Das ist wohl das Reich von Finist, dem hellen Falken!“ Das Mädchen setzte sich auf einen Sandhaufen und klopfte mit ihrem Hämmerchen auf die Nägelchen aus Brillianten. Auf einmal sah sie die Zarewna am Ufer mit ihren Ammen und Wärterinnen und treuen Dienerinnen spazieren gehen. Bald wollte die Zarewna den Hammer und die Nägel haben. Das Mädchen bat: „Zarewna, lass mich nur einmal Finist den hellen Falken sehen, dann will ich beides umsonst dir geben!“ – „Finist der helle Falke schläft jetzt gerade und hat befohlen, niemand zu ihm zu lassen; aber gib mir nur den schönen Hammer und die Nägelein, dann will ich ihn dir zeigen.“

Sie nahm Hammer und Nägelein, lief ins Schloss, versteckte eine Zaubernadel im Kleid von Finist dem hellen Falken und sprach: „So, nun wirst du fest schlafen und lange nicht erwachen.“ Dann ließ sie von ihren Dienerinnen das schöne Mädchen in das Schloss führen zu ihrem Mann, dem hellen Falken. Sie selber ging spazieren. Lange bemühte sich das Mädchen, lange weinte es über ihrem Liebsten und konnte ihn nicht erwecken.
Als die Zarewna genug spazieren gegangen war, kehrte sie ins Schloss zurück, jagte das schöne Mädchen fort und zog die Nadel aus dem Finists Kleid. Der helle Falke erwachte und sprach: „Ach, wie lange habe ich geschlafen! Es war jemand hier, weinte und klagte über mir, aber ich konnte die Augen nicht aufmachen, so schwer waren sie mir!“ – Aber die Zarewna antwortete: „Das war nur ein Traum. Niemand war hier.“

Am nächsten Tage saß das Mädchen wieder am Ufer des blauen Meeres und spielte mit den brillantenen Kügelchen im goldenen Schüsselchen. Da kam die Zarewna auf ihrem Spaziergang vorbei, sah sie und bat: „Verkauf mir das!“ – Das schöne Mädchen erwiderte: „Lass mich Finist den hellen Falken sehen, dann will ich es umsonst dir geben!“ Die Zarewna willigte ein und steckte wieder eine Nadel in das Gewand von Finist dem hellen Falken. Wieder weinte das schöne Mädchen bitterlich  über ihrem Liebsten und konnte ihn nicht erwecken.

Am dritten Tage saß sie am Ufer des blauen Meeres so traurig und wehmütig und fütterte ihr Pferd mit glühenden Kohlen. Die Zarewna sah, wie das Pferd Feuer fraß und fing an mit ihr zu unterhandeln. Wieder bat das Mädchen: „Lass mich nur Finist den hellen Falken sehen, dann will ich es umsonst dir geben!“ Die Zarewna war einverstanden, lief ins Schloss und sprach: „Finist, heller Falke, lass dir den Kopf absuchen.“ Sie machte sich an die Arbeit und steckte ihm eine Nadel zwischen die Haare. Da fiel er gleich in schweren Schlaf. Jetzt sandte sie ihre Dienerinnen nach dem schönen Mädchen. Das kam, ihren Liebsten aufzuwecken, umarmte und küsste ihn und weinte, weinte bitterlich, doch er wachte nicht auf. Sie strich mit ihrer Hand durch seine Haare, da fiel zufällig die Zaubernadel heraus.

Finist, der helle Falke erwachte, sah das schöne Mädchen und freute sich sehr. Sie erzählte ihm, wie alles gewesen war, von den bösen neidischen Schwestern und von ihrer Wanderschaft und dem Tauschhandel mit der Zarewna. Da liebte er sie noch mehr als zuvor, küsste sie auf den süßen Mund und ließ die Bojaren und Fürsten und alle Leute von Rang zusammenkommen.

Finist fragte: „Was ratet Ihr mir, mit welcher Frau soll ich mein Leben teilen? Mit der, die um mich gefeilscht hat, oder mit der, die mich aus aller Not gerettet hat? Mit der, die durch dunkle Wälder, durch heiße Wüsten, über hohe Berge gewandert ist und tiefe Flüsse durchquert hat, um mich zu finden, oder mit der, die mich für ihren Zeitvertreib hergegeben hat?“
Die Bojaren, Fürsten und hohen Würdenträger dachten nicht lange nach und beschlossen einmütig: „Die soll deine Ehefrau sein, die dich aus aller Not gerettet hat.“
So machte Finist, der helle Falke mit dem bunten Gewand, was sie ihm geraten hatten.
Trompetenschall und Böllergeknall ertönten. Ein großes und prächtiges Hochzeitsfest wurde ausgerichtet, die Liebenden wurden miteinander verheiratet und lebten noch lange glücklich und in Freuden.

Alexander Nikolajewitsch Afanassjew: „Russische Volksmärchen“, Ludwig-Verlag, Wien, 1910
Fassung Bettina von Hanffstengel