Der Schütze und der Khan Zarkin

7. Dezember

Der Schütze und der Khan Zarkin (Teil 1)

8. Dezember

Der Schütze und der Khan Zarkin (Teil 2)

9. Dezember

Der Schütze und der Khan Zarkin (teil 3)

10. Dezember

Der Schütze und der Khan Zarkin (Teil 4)

11. Dezember

Der Schütze und der Khan Zarkin (Teil 5)

12. Dezember

Der Schütze und der Khan Zarkin (Teil 6)

13. Dezember

Der Schütze und der Khan Zarkin (Teil 7)

7. Dezember

In alten, alten Zeiten lebte einst im Reich des Khans Zarkin ein junger Schütze.

Einmal ging er zum See, um Enten oder Gänse zu schießen. Doch da sah er drei schöne Schwäne mit goldenen Köpfen, die zum Ufer geflogen kamen. Rasch legte er sich ins Riedgras und schaute den Schwänen zu, die zum Ufer gingen. Am Wasser streiften sie ihr Gefieder ab und ehe es sich der Schütze versah, standen drei wunderschöne junge Mädchen an ihrer Stelle. Die gingen ins Wasser und badeten mit Lust und Freude. Der Schütze jedoch, schlich sich lautlos heran, ergriff ein Federkleid und verschwand damit wieder im Riedgras.

Die Mädchen hatten derweil ihr Bad beendet und kamen ans Land. Zwei schlüpften in ihr Federgewand – aber die dritte konnte ihres nicht finden. Ihre Schwestern schwangen sich in die Lüfte und hielten von oben Ausschau nach den verlorenen Federn. Doch vergeblich, sie fanden sie nicht.

„Sicher steht dir das so in den Sternen geschrieben.“ Mit diesen Worten flogen ihre Schwestern davon.

Das Mädchen blieb mutterseelenallein zurück. Bitterlich weinend lief sie am Ufer entlang und suchte überall nach ihrem Gefieder Sie murmelte leise vor sich hin: „Wer meine Federn sieht und sie mir gibt, den mach ich reich, ob er nun arm ist und schön von Angesicht, oder ob er hässlich ist. Ich gebe ihm, worum er mich bittet und erfülle ihm jeden Wunsch!“ So sprach sie, während sie heiße Tränen vergoss.

Da trat der Schütze aus seinem Versteck: „Schöne Jungfrau, klage nicht. Sieh her, die Schwanenfedern, nach denen du suchst, sind bei mir.“ Das Mädchen sah ihr Federkleid in den Händen des Schützen. Wie freute sie sich da! Schüchtern trat sie auf ihn zu und sprach: „Mein Brüderlein, Ihr habt gut daran getan, meine Federn zu finden. Tut ein zweites Mal gut und gebt sie mir wieder. Dafür sollt Ihr alles haben, wonach Euch der Sinn steht. Was immer Ihr verlangt, ich werde es Euch erfüllen.“ – „Was kannst du mir denn geben? Nichts will ich, nur dich. Werde meine Frau!“

Da schaute das Mädchen auf den schönen, jungen Schützen, senkte den Kopf und sprach leise: „Ja, das will ich gerne tun.“

Der Schütze nahm sie bei der Hand und führte sie ins Lager, in dem viele Kibitkas standen. Kibitkas nennen die Kirgisen ihre Jurten. Sie wurden Mann und Frau und lebten von nun an in der ärmlichen Kibitka des Schützen, doch ihre Liebe war sehr groß. Sie konnten sich einer am andern nicht satt sehen und wollten sich nicht einmal für eine Stunde voneinander trennen.

Doch bald hörte der Khan, dass sein Schütze eine Frau hatte, die so schön war, wie keine zweite auf der Welt. Da plagte ihn die Neugier und er wollte sich selbst davon überzeugen. Er ging also zu der Kibitka des Schützen und dort sah er mit eigenen Augen, dass die Leute nicht übertrieben hatten. Eine Schönheit wie diese hatte es nie und nirgends gegeben. Sie leuchtete, als wäre sie das Kind der Sonne und man wollte die Augen nicht von ihr abwenden. Keine Frau im großen Reich des Khans konnte sich mit ihr vergleichen.

Der Khan bewunderte sie. Dann ging er in seinen Königspalast, befahl seine Höflinge zu sich und bewirtete sie mit köstlichen Speisen und Getränken. Dann sprach er: „So, meine Lieben, ihr, die ihr mir so viel wert seid, wie mein Leben. Ich will von euch einen guten Rat hören. Alle Ratsleute antworteten im Chor: „Gerne!“

Abermals erhob der Khan seine Stimme: „Mein Schütze hat eine Frau, die viel schöner ist als jede andere Frau der Welt. Die schönsten Schönen meines Volkes stellt sie glatt in den Schatten!“ Er beschrieb ihnen ihre Gestalt und ihr Antlitz, den Klang ihrer Stimme, ihren schwingenden Gang, den Glanz ihrer Augen und ihre schweren Zöpfe. Seine Rede schloss er mit den Worten: „Es ist nicht recht, dass eine so einzigartige Frau, schön wie ein Sonnenstrahl, einem einfachen Schützen gehört. Ratet mir, wie ich sie in meinen Besitz bringen kann.“

Die Höflinge überlegten eine Weile. Dann sagten die einen: „Man muss sie rauben und im Palast verstecken.“ Die anderen meinten: „Nein, man muss den Schützen erschlagen, dann hat man die Frau.“

Die dritten dagegen fanden: „Man braucht den Schützen gar nicht erschlagen. Es genügt, wenn man ihn aus dem Land weist. Dann nimmt man sich ruhig die Frau.“

Nachdem alle ihre Meinung geäußert hatten, erhob sich der Oberhöfling zur rechten Hand und sprach: „Alle diese Ratschläge sind schlecht. Man kann nicht eine Frau entführen und sie heimlich im Palast verstecken. Früher oder später kommen die Leute doch dahinter. Den Schützen zu töten ist auch mit Gefahr verbunden. Das Volk könnte sich empören und man hat nichts als Scherereien. Ich halte es auch nicht für ratsam, den Schützen aus dem Land zu weisen – er kommt doch heimlich zurück und nimmt seine Frau mit. Hier lässt sich nur mit List etwas erreichen.“ Der Khan fragte ungeduldig: „Aber wie denn? Mach einen Vorschlag.“ Der Oberhöfling antwortete: „Ich habe gehört, dass in dem Land, in dem die Sonne untergeht, am hohen Felsenufer eines Flusses eine große Tigerin mit ihren Jungen lebt. Sie soll, so sagt man, wilder und reißender als alle Tiere sein. Schickt also den Schützen zu der Tigerin, um dem Khan ihre Milch zu bringen. Ihr könnt sicher sein, dass er nicht zurückkommt, denn die Tigerin wird ihn zweifellos auffressen. Dann wird es ein leichtes sein, die schöne Frau zu heiraten. Der Schütze darf sich dem Befahl des Khans ja nicht widersetzen.“

Diesem tückischen Plan stimmten der Khan und sein Gefolge zu und riefen wie aus einem Mund: „Das hast du dir klug ausgedacht!“

Der Khan tat sogleich so, als ob er todkrank wäre und ließ den Schützen kommen. Er sprach unter Stöhnen und Ächzen: „Du siehst ja selbst, dass ich an eine gefährliche Krankheit habe. Das Einzige, was mich wieder gesund machen kann, ist in dem Land, wo die Sonne untergeht. An einem hohen Felsufer, am breiten Strom lebt eine Tigerin mit ihren Jungen. Nur ihre Milch wird mir meine Kraft und Gesundheit wiedergeben. Beeile dich und gehe schnell dorthin und bringe mir die Milch der Tigerin.“

Nachdem er das gesagt hatte, krümmte sich der Khan noch ärger und stöhnte ganz herzzerbrechend. Der Schütze rüstete sich in seiner Kibitka zu der weiten Fahrt. Er legte sein bestes Gewand an und gürtete sich mit seiner besten Waffe. Da fragte ihn seine Frau: „Wohin willst du ziehen, lieber Mann?“ Der Schütze antwortete: „Unser Khan ist schwer krank. Ihn kann nur die Milch einer Tigerin heilen, die am Steilufer eines breiten Flusses im Land, wo die Sonne untergeht, lebt. Er befahl mir, sogleich dorthin zu ziehen. Ich muss das tun, obgleich ich gar nicht will. Und so gehe ich fort, gegen meinen Willen.“

Die Frau ahnte, dass der Khan nicht von ungefähr ihren Mann nach der Milch der Tigerin ausschickte. Gewiss verfolgte er damit eine böse Absicht. Sie nahm ein gelbbuntes Tuch von ihrer Schulter und gab es ihrem Mann: „Nimm dieses Tuch, denn es wird dich in der Gefahr retten. Schwenke es, wenn die Tigerin zum Sprung ansetzt. Das Tuch wird sie sanft und gefügig machen. Sie kennt es, denn sie lebte einst bei mir.“

8. Dezember

2. Teil

Der Schützte steckte das gelbbunte Tuch ein, sattelte sein Pferd und ritt in das Land, in dem die Sonne untergeht, nachdem er von seiner jungen Frau Abschied genommen hatte. Er trabte höher als der Rauch der Kibitkas, doch tiefer als der Wolkenrand. Über Hügel und Tal ging der Ritt, an Wüsten und salzigen Wassern vorbei. Zur Tageszeit aß er nicht, zur Nachtzeit schlief er nicht. Er wollte sich rasch seines Auftrags entledigen und zu seiner Frau nach Hause zurückkehren.

Lange trug ihn das Pferd in schnellem Lauf, bis er schließlich zu dem schroffen Felsenufer eines Flusses kam, der so breit war wie ein Meer, Dort hauste die große Tigerin mit ihren Jungen.

Sie erblickte den Schützen, als er noch eine Tagesreise entfernt war. Da brüllte sie auf, dass es ihm in den Ohren gellte und wollte sich auf ihn stürzen. Der Schütze zog flugs das Tuch seiner Frau hervor und schwenkte es. Die Tigerin blieb wie angewurzelt stehen, hörte auf zu brüllen und fragte: „Woher hast du dieses Tuch, Jüngling?“ – „Das hat mir meine Frau gegeben.“ – „So sage mir, was dich zu mir führt.“ – „Unser Khan leidet an einer schweren Krankheit. Er befahl mir, ihm etwas von deiner Milch zu bringen.“ – „Wenn es so ist, dann steig geschwind vom Pferd und melke dir deine Lederflasche voll.“

Der Schütze saß ab und füllte die Lederflasche mit der Milch der Tigerin und schnallte sie an seinem Sattel fest: „Lebe wohl. Ich wünsche dir alles Gute. – „ Lebe auch du wohl. Reite nach Hause und heile das Leiden deines Khans. Ich wünsche dir viel Glück und gutes Gelingen.“

Nach diesen Worten wandte sich die Tigerin aufs Neue ihren Jungen zu. Der Schütze aber ritt von dannen.

In seiner Heimat angelangt, ging er sogleich zum Khan und ihm die Lederflasche mit der Tigermilch. Was blieb dem Khan Zarkin übrig – er trank die Milch und sprach: „Ach ja, es geht mir schon viel besser.“

Der Schütze eilte nach Hause, der Khan aber rief seine Höflinge zu sich: „Einen schlauen Rat gab uns unser Oberhöfling, bloß ist nichts dabei herausgekommen. Wir glaubten, die Tigerin würde den Schützen zerreißen. Er aber kehrte mit heiler Haut zurück. Wo sollen wir ihn nun hinschicken, damit er uns nie mehr vor Augen kommt?“

Die Höflinge dachten angestrengt nach. Sie zerbrachen sich die Köpfe, doch ihnen fiel nichts Brauchbares ein. Nicht ein vernünftiges Wort über die Lippen. Schließlich erhob sich der Oberhöfling zur linken Hand: „Wir schickten den Schützen in den sicheren Tod, doch er blieb am Leben. Also haben wir kein Mittel, um ihn loszuwerden. Ich denke, uns bleibt nur eine Möglichkeit – wir müssen alle durchtriebenen Gauner des Reiches zusammenrufen, ihnen Branntwein und fettes Hammelfleisch vorsetzen, bis ihre Bäuche voll und ihre Sinne berauscht sind. Dann werden wir sie fragen, ob sie ein Mittel kennen, wie man den Schützen umbringen könnte.“ Da riefen alle: „Das ist gut, so werden wir es machen.“

Am festgesetzten Tag kamen alle Gauner, Spitzbuben, Diebe und Lumpen zum Khan und wurden mit Rauschwein und fettem Fleisch bewirtet, bis nichts mehr in ihre Wänste hinein ging. Dann fragte man sie: „Ist einer unter euch, der dem Khan helfen kann, seinen Schützen loszuwerden? Wenn es keiner von euch kann, kennt ihr vielleicht einen anderen, der ihn heimlich um die Ecke schaffen könnte!“

So verkündeten es der Khan und sein Höflinge. Dann warteten sie voller Ungeduld auf die Antwort der Gauner und Halunken. Die aber schwiegen, als hätten sie noch den Mund voll Hammelfleisch. Da fragte man sie zum zweiten Mal und wieder blieben sie stumm. Endlich sprang ein schielender Galgenvogel auf, öffnete seine Kaftan, schlug sich an die Brust und rief: „Ich weiß es!“ Der Khan war hocherfreut, als er das hörte: „Sage, was du weißt.“ – „Man soll den Schützen nach Weiß-nicht-wohin schicken und ihm befehlen, Weiß-nicht-was herzubringen. Es wird ein Land suchen, das es nicht gibt und eine Sache, die weder einen Namen noch eine Gestalt hat. Er wird sie bis ans Ende seiner Tage nicht gefunden haben und deshalb wird er es auch nicht wagen, sich noch einmal hierzulande zu zeigen.“

Der Khan und seine Höflinge fanden den Plan des schielenden Gauners ausgezeichnet. Sie belohnten ihn reichlich und ließen ihn laufen. Der Khan aber legte sich abermals wie ein Schwerkranker ins Bett und ließ den Schützen zu sich kommen. „Ich bin abermals schwer krank geworden. Das Heilmittel für diese Krankheit ist schwer zu finden, denn ich muss ich eine Sache bekommen, die weder einen Namen noch eine Gestalt hat und die sich in einem unbekannten Land befindet. Außer dir kann keiner meinen Wunsch erfüllen. Mach dich also schleunigst auf den Weg und bringe mir diese Sache.“ Der Schütze fragte verwundert: „Wohin soll ich denn ziehen und was soll ich dir bringen?“ Der Khan antwortete: „Das weiß ich doch nicht, weiß ich doch nicht. Ich weiß nur, dass nur du mir diese Sache verschaffen kannst, und wenn du es mir nicht bringst, so muss ich sterben.“ Der Khan stöhnte und jammerte so laut er konnte.

Der Schütze in seiner Kibitka überlegte, was er machen sollte. Drei Tage und drei Nächte dachte er nach. Am Tag steig er auf einen Berg, um in Ruhe nachzudenken und in der Nacht wälzte er sich schlaflos auf seiner Matte. Doch wie sehr er sich auch anstrengte, es wollte ihm nichts einfallen. Seiner Frau aber sagte er kein Wort, aus Furcht, sie aufzuregen.

Nach drei Tagen sattelte er sein Pferd und beschloss fort zu reiten, ganz gleich wohin: „Es könnte doch sein, dass ich so in das unbekannte Land komme!“

Er schwang sich auf sein Pferd und sagte seiner Frau Lebewohl. „Wohin willst du reiten, lieber Mann?“ – „Unser Khan leidet abermals an einer schlimmen Krankheit. Er befahl mir in ein unbekanntes Land zu ziehen und ihm ein Ding zu bringen, das keinen Namen, keinen Ort und keine Gestalt hat.“ Die Frau hörte ihm zu: „Du darfst in dieses Land nicht reiten, geh lieber zu Fuß Nimm dieses Garnknäuel und lass es drei Schritte von unserer Kibitka fallen. Wohin es rollt, dorthin wende deine Schritte. Hier hast du noch einen goldenen Kamm. Jeden Morgen sollst du dir damit das Haar kämmen.“

Der Schütze verabschiedete sich von seiner Frau, ging drei Schritte von seiner Kibitka fort und warf das Knäuel auf die Erde. Das begann rasch zu rollen und er ging ihm nach.

Er schritt dem rollenden Knäuel nach über salzige Erdhügel und wandernden Wüstensand, stieg auf hohe Berge, durchwanderte tiefe Täler, an Seen und Siedlungen kam er vorbei und bahnte sich durch dichtes Schilf den Weg. Tagsüber rastete er nicht um zu essen und nachts rastete er nicht zum Schlafen. Längst wusste er nicht mehr, wie viele Tage, Wochen und Monate vergangen waren. Schließlich führte ihn das Knäuel in einen finsteren Wald.

Tag und Nacht ging er durch den Wald, doch das Knäuel rollte unermüdlich weiter, bis es endlich zu einer kleinen Kibitka aus Filz kam. Dort verschwand es, als wäre es vom Erdboden verschluckt.

„Was soll ich nur machen? Sicher muss ich in diese Kibitka hineingehen.“

9. Dezember

3. Teil

Er hob den bestickten Vorhang auf und trat ein. Eine kleine, zierliche Frau schaute ihm entgegen: „Wer seid Ihr und was wollt Ihr?“ – „Ich bin ein Schütze unseres Khans und wohin ich gehe, weiß ich selber nicht.“ Die zierliche Frau fragte darauf nichts mehr. Sie gab ihm zu essen, zu trinken und bereitete ihm ein Lager für die Nacht. Unser Schütze schlief ein, kaum dass er den Kopf auf das Kissen gelegt hatte.
Frühmorgens stand er auf, wusch sich und begann sein Haar mit dem goldenen Kamm zu kämmen. Die zierliche Herrin der Kibitka sah den Kamm und fragte: „Wo habt Ihr den goldenen Kamm her?“ – „Den hat mir meine Frau gegeben.“ Da freute sich die kleine Frau sehr: „Oh, dann seid Ihr kein Fremder für mich, sondern der Mann meiner jüngsten Schwester. Warum habt Ihr das gestern nicht gleich gesagt?“ Sie trug vielerlei Speisen und Getränke auf. „Gönnt Euren müden Beinen nach der langen Wanderung Ruhe, bleibt für drei Tage bei mir.“
Da blieb der Schütze drei Tage in der Kibitka. Schon am dritten Tag war der Schütze gut ausgeruht. Die zierliche Frau bat: „Erzählt mir jetzt, wohin Ihr zieht und was der Zweck Eurer Reise ist?“ Der Schütze erzählte ihr, was es mit seiner Reise auf sich hatte.
Die zierliche Herrin der Kibitka gab ihm ein Knäuel Seidengarn: „Geht jetzt mit diesem Knäuel nach, es bringt Euch zu unserer ältesten Schwester. Vielleicht kann sie Euch sagen, wohin Ihr gehen müsst und wo Ihr diese seltsame Sache findet, die weder einen Ort noch eine Gestalt hat.“

Und wieder machte sich der Schütze auf und ging dem Knäuel nach. tagein, tagaus schritt er dahin, wanderte die Nächte hindurch und rastete nicht. Als der finstere Wald aufhörte, wanderte er dreißig Tage und Nächte durch weite Steppen. Dann kam er wieder in einen großen, dichten Wald. Das Knäuel rollte schnell zwischen den Bäumen und Sträuchern dahin. Die Zweige schnellten in das Gesicht des Schützen und zerkratzten seine Haut, er aber achtete nicht darauf und ging unverdrossen weiter.
Endlich rollte das Knäuel vor die Tür einer kleinen Kibitka, die mitten im Wald stand. Im nächsten Augenblick war es verschwunden. Aus der Kibitka kam eine schöne, kleine Frau und fragte: „Wer seid Ihr, wo kommt Ihr her und wo geht Ihr hin?“ – „Ich bin ein Wanderer. Ich komme aus weiter Ferne und gehe in die weite Ferne.“
Die Frau führte den Gast in die Kibitka, gab ihm zu essen und machte ihm ein Lager. Am Morgen stand der Schütze auf, wusch sich und kämmte sein Haar mit dem goldenen Kamm. Die Herrin sah es und fragte: „Woher habt Ihr diesen goldenen Kamm?“ – Der Schütze antwortete: „Meine Frau hat ihn mir gegeben.“
Da flog ein heller Schein über das Gesicht der kleinen Frau und sie rief erfreut: „Dann seid Ihr ja kein Fremder, sondern der Mann meiner jüngsten Schwester. Warum hat Ihr das nicht schon eher gesagt?“ Sie tischte auf, was es an guten Sachen in ihrer Kibitka gab und forderte den Schützen immer wieder auf, zu zu langen. Als er sich satt gegessen und getrunken hatte, sprach sie: „Lasst Eure müden Beine ruhen und schlaft Euch aus.“
Drei Tage und drei Nächte ruhte er sich aus. Dann sprach die kleine Frau: „Sagt mir nun, wohin Ihr geht und was Ihr wollt. Verschweigt mir nichts.“
Der Schütze erzählte auch ihr, was es mit seiner Reise auf sich hatte. Die Frau hörte ihm aufmerksam zu. Dann schüttelte sie den Kopf und murmelte: „Ich weiß nicht, wo dieses unbekannte Land liegt. Ich kann höchstens meine Helfer danach fragen.“ Sie nahm ein goldenes Horn, ging aus der Kibitka und begann laut zu blasen.

Es erklangen 108 traurige Töne und 62 fröhliche Töne. Da kamen von allen Seiten die Lebewesen gekrochen, geflogen, gegangen, gehüpft. Die wilden Tiere, die in den Steppen leben, die Vögel, die durch die Luft fliegen, die Würmer, die blind im Boden kriechen und alle anderen, die auf der Erde flogen und krochen.

Sie alle versammelten sich und standen im Kreis um die Herrin der kleinen Kibitka: „Ihr Tiere und Vögel, die ihr überall hin fliegt und hin lauft, die ihr alles hört und wisst! Weiß einer von euch, wo es ein Ding gibt, das keinen Ort, keinen Namen und keine Gestalt hat und das sich in einem unbekannten Land aufhält? Wer es weiß, der trete vor und spreche: ‚Ich weiß es!‘ Die aber, die es nicht wissen, sollen sagen: ‚Wir wissen es nicht‘ und können nach Hause gehen.“

Die Vögel zwitscherten: „Wir wissen es nicht. Wir wissen es nicht.“ Sie flatterten sogleich wieder in die Lüfte. Die wilden Tiere brummten: „Wie wissen es nicht.“ Und liefen gleich wieder in ihre Steppen und Wälder. Die Würmer und Insekten zirpten: „Wir wissen es nicht. Wir wissen es nicht.“ Und sie machten sich eiligst aus dem Staub.

Da stieß die kleine Frau abermals in ihr goldenes Horn. 108 traurige Töne erklangen, 62 fröhliche Töne erklangen und es kamen alle Lebewesen herbei, die im Wasser ihre Heimat haben: Fische, Schildkröten, Frösche, Schlangen und Krebse. Die Herrin der Kibitka fragte auch sie. Aber die Fische, Schildkröten, Frösche und Schlangen riefen durcheinander: „Quak! Wir wissen es nicht! Wir wissssen es nicht!“ Und sie kehrten heim zu ihren Flüssen, Seen und Sümpfen.

Nur ein großer Krebs blieb da. Er kroch wohl zum Wasser, doch er kam zurück, kroch abermals fort und kehrte er wieder um. Die kleine Herrin der Kibitka sah, dass der Krebs nicht wusste, was er tun sollte Sie fragte: „Bist du der Khan über alle Krebse?“ – „Ja, das bin ich.“ – „Was weißt du, was hast du gehört, was willst du uns sagen? Sprich, gleichgültig ob es die Wahrheit oder ob es nur ein Gerücht ist.“ – „Weiß selber nicht, ob ich es weiß oder nicht…“ – Die kleine Herrin der Kibitka befahl: „Sprich!“ – „Wenn man sich von hier aus nach Süden geht, kommt man nach einem Monat zu einem großen Meer. Wenn man’s nicht überqueren kann, muss man sich nach Westen wenden. Nach einem weiteren Monat kommt man an eine Furt. Auf der anderen Seite des Meeres sieht man eine große Straße, die nach Süden führt. Wer diese Straße entlang geht, erreicht genau nach einem Monat östlich einen großen, düsteren Wald, in den von der Straße her die Spur von zwei Rädern führt. Dieser Spur muss man nachgehen. Sie hört mitten im Wald auf. Was weiter kommt, weiß ich nicht.“ So sprach der Krebs und kroch rasch in seinen See zurück.

„Habt Ihr gehört, tapferer Mann, was der Khan der Krebse gesagt hat?“ – Der Schütze antwortete: „Ja, ich habs gehört.“ – „So gehe los. Vielleicht ist es das unbekannte Land, das Ihr sucht. Niemand weiß mehr darüber. Danach lasst Euch von Eurem eigenen Verstand leiten.“

Sie gab dem Schützen kräftig zu essen und gab ihm eine Wegzehrung mit. Dann verabschiedete er sich von der Herrin der kleinen Kibitka und setzte seine Wanderung fort. Tag für Tag ging er, machte nirgends halt. Er tat, wie ihn der Krebs geheißen hatte und sah nach drei Monaten einen hohen, finsteren Wald. Auf diesen ging er zu und hielt nicht inne, bis er die breite Spur von zwei Rädern fand. Drei Tage und drei Nächte folgte er der Spur, die ihn endlich zum Rand des Waldes brachte.

10. Dezember

4. Teil

Im Wald schlängelte sich die Spur zwischen den Bäumen dahin. Er folgte ihr und sie führte ihn zu einem undurchdringlichen Dickicht. Dort brach sie ab. Der Schütze arbeitete sich durch das Gestrüpp vor. Hohe, schwarze Bäume verdeckten den Himmel, kein Lichtschein, kein Sonnenstrahl brach durch die schwarzen Zweige. Die Bäume standen wie eine Mauer und ließen keinen Durchschlupf, wohin er auch schaute. Der Schütze blieb stehen und dachte bekümmert: ‚Was fange ich denn nun an? Ich kann doch nach so einem langen, mühsamen Weg nicht einfach umkehren?‘

Er ließ seine Augen umher wandern und sah sich das Dickicht genau an. Da entdeckte er eine Grube. Der Schütze stieg hinein und tastete sich weiter vor. Er tappte lange vorwärts. Schließlich stieß er auf eine Behausung tief unter der Erde. Er trat ein, sah sich um, doch niemand war da. Er lauschte – kein Laut drang an sein Ohr. Und doch konnte er erkennen, dass hier jemand wohnte.

Er dachte bei sich: ‚Hier wohnt jemand heimlich. Ich muss aufpassen, dass mir kein Unglück zustößt.‘ Da sah er eine Ritze in der Wand. Er kroch hinein und gleich darauf schlummerte er ein. Im Schlaf hörte er, dass irgendwo Wagenräder rasselten. Und sie rasselten so laut, wie bei keinem Wagen über der Erde. Da verkroch sich der Schütze tiefer in die Ritze und dachte: ‚Jetzt wird gleich etwas geschehen.‘

Er hörte, wie der Wagen vor der Behausung anhielt. Ein mächtiger Mann, der furchtbar aussah, trat ein. Er war in prächtige Gewänder gekleidet. Am Gürtel trug er ein starkes Schwert. Er nahm das Schwert ab und hängte es auf die eine Seite. Er legte das Gewand ab und hängte es auf die andere Seite. Dann setzte er sich mit untergeschlagenen Beinen hin und murmelte: „He, Mursa, bring das Essen!“

Kaum war das letzte Wort über seine Lippen gekommen, da breitete sich vor ihm eine gelb bunte Decke aus. Auf diese Decke sprangen allerlei Teller und Platten mit herrlichen Leckerbissen, dazu Getränke vieler Art, Früchte aus allen Gegenden, kurz: alles, was man sich wünschen konnte.

Der Mann aß und trank. Dann befahl er: „He, Mursa, deck ab.“

Sofort rollte sich die gelb bunte Decke mit allen Schüsseln, Platten und Flaschen zusammen und verschwand, als habe sie sich in Nichts aufgelöst. Der Fremde aber legte neuerlich Gewand und Schwert an und verließ die unterirdische Behausung. Gleich darauf rasselten die Räder und der Wagen fuhr davon.

Unser Schütze kam aus seiner Ritze hervor und schaute sich um. Aber nichts wies auf die Anwesenheit des Besuchers hin. So stand der Schütze da und wunderte sich: ‚Was wollte er hier? Wozu ist er hergekommen? Wer hat ihm all die guten Sachen aufgetischt? Und wo sind die Überreste? Wie wäre es, wenn ich auch mal versuchen würde, es so zu machen wie er?‘

Der Schütze legte seine Waffen ab und hängte sie an den Nagel, wo vorher das Schwert des Fremden gehangen hatte. Er legte sein Kleid ab und hängte es an den Nagel auf der anderen Seite. Dann setzte er sich mit gekreuzten Beinen auf die Matte und murmelte: „He, Mursa, bring das Essen!“

Kaum hatte er das gesagt, rollte sich die gelb bunte Decke vor ihm auf und darauf standen die besten Speisen und Weine, die schönsten Früchte und alles, was er sich wünschen konnte.

Unser Schütze schmauste, trank und befahl: „Wo bist du, Mursa? Setz dich her und iss dich satt.“ Da setzte sich Mursa und begann zu essen, bis er satt war Dann wandte er sich an den Schützen: „Schon dreißig Jahre bediene ich den Mann, der eben hier war. Aber er hat mich noch nie aufgefordert: ‚Setz dich, iss und trink!‘ Dir habe ich nur einmal aufgetischt und du hast mich gleich zum Essen eingeladen. Mit dir werde ich es besser haben. Nimm mich mit!“ – Der Schütze antwortete: „Gerne nehme ich dich mit! Um dich zu finden, zog ich überall herum. Dich habe ich überall gesucht. Nun habe ich dich ganz unerwartet hier gefunden.“ – „Von nun gehöre ich dir und werde dorthin gehen, wo du hingehst.“ Der Schütze war einverstanden: „Schön. Wir bleiben zusammen.“ Sie verließen die unterirdische Behausung und zogen los. Mursa ging neben dem Schützen, aber man sich ihn nicht.

Über kurz oder lang hörten sie Wagenräder rasseln. Da wandte sich Mursa an den Schützen: „Da fährt mein früherer Herr mit seinen acht schwarzglatten Rappen. Gewiss hat er großen Hunger und wird nach mir rufen. Aber diesmal ruft er vergeblich.“

Am späten Abend kam der Schütze in eine einsame Gegend. Dort stand nur eine vom Ruß schwarze Kibitka, deren Filz schon ganz durchlöchert war. Der Schütze trat ein. Drinnen aber war ein frommer Einsiedler dabei, im Gebet tiefe Verbeugungen zu machen und schenkte dem Fremden keinen Blick. Der Schütze grüßte: „Frommer Greis, ich habe eine Bitte an Euch. Erlaubt mir, heute Nacht in Eurer Kibitka zu bleiben.“

Der Alte unterbrach seine Verbeugungen und sagte: „Kein Menschen ist jemals hierher gekommen. Woher kommst du und wohin gehst du?“ – „Ich bin in ferne Länder gezogen, um einen Befehl meines Khans zu erfüllen. Nun kehre ich heim.“

Der Einsiedler sprach: „Du kannst hier bleiben. Es ist Platz genug da. Nur habe ich nichts, was ich dir zum Essen vorsetzen könnte, kein gekochtes Fleisch, keinen Tee, gar nichts. In meiner Kibitka gibt es nicht einmal ein Stückchen Schmalzgebäck.“ – Der Schütze entgegnete: „Macht nichts. Ich möchte nur hier übernachten.“ – „Ja, du kannst bei mir übernachten.“ Der Einsiedler begann von neuem mit seinen Verbeugungen. Bevor er zur Ruhe ging, holte er sein Essen hervor und aß. Es waren Himbeeren, wie sie zwischen den Felsen wachsen, getrockneter Schlehdorn und Holunderbeeren aus dem Wald. Während er sein kärgliches Mahl verzehrte, sprach der Einsiedler zu dem Schützen: „Du siehst, wovon ich mich ernähre. Es schickt sich nicht, einem Gast so wenig sättigende Speisen anzubieten. Außerdem habe ich nur sehr wenig davon. Um die Beeren zu sammeln, brauche ich Zeit und die habe ich nicht, denn ich muss immerfort Verbeugungen machen.“

Der Schütze war gar nicht gekränkt und sprach: „Esst nur getrost, lasst es Euch schmecken. Ich werde meinen eigenen Proviant verzehren. He, Mursa, deck den Tisch!“

Im selben Augenblick rollte sich vor ihm die gelb bunte Decke auf, voll gestellt mit Schüsseln und Kannen. Der Schütze stellte sich vor die Decke und sprach: „Nun Alter, wollt Ihr mich nicht Gesellschaft leisten? Kostet meine Speisen!“

Der Einsiedler war nicht wenig verwundert. Er ließ sich neben dem Schützen nieder, griff wacker zu und lobte das Essen. Der Schütze rief auch Mursa herbei. Als alle drei satt waren und sich erhoben, rief der Schütze: „Mursa, räum ab!“

Sofort verschwand die Decke mit allem, was darauf stand. Dem Einsiedler hatte das gute Essen gemundet. Er setzte dem Schützen zu: „Braver Mann, gib mir den Mursa mit seiner Decke und ich gebe dir dafür etwas Anderes.“ Aber der Schütze weigerte sich: „Nein, den tausche ich nicht. Ich brauche ihn selber.“

Die ganze Nacht bat und bettelte der Einsiedler unablässig: „Lass ihn mir, braver Mann. Für deinen wunderkräftigen Mursa bekommst du von mir etwas noch viel Wunderkräftigeres.“ Endlich fragte der Schütze: „Was wollt Ihr mir denn geben?“ „Das zeige ich dir gleich!“, erwiderte der Einsiedler.

Nach diesen Worten nahm er ein langes Seidentuch, nämlich einen himmelblauen Haddak und forderte den Schützen auf, mit ihm hinauszugehen. Als sie draußen standen, schwenkte er den Haddak und murmelte leise: „Palast, erscheine!“

Im selben Augenblick ragte vor ihnen ein herrlicher Palast auf, dessen hohes Dach fast bis zum Himmel reichte. Er war so schön, wie man es auf Erden nie gesehen hatte. Gold und Silber schmückten ihn von oben bis unten. Dazwischen glänzten viele Perlen, Korallen und bunte Edelsteine wie Augen. So sah dieser Palast von außen aus! Trat man jedoch hinein und sah sich die Möbel, den Hausrat an, so gab es so eine Pracht und Kostbarkeit nicht einmal in den Palästen der mächtigsten Khane.

Diesen Palast zeigte der alte Einsiedler dem Schützen und sprach: „Du bist sehr jung und kannst so einen Palast gebrauchen. Ich bin alt und mir liegt mehr an gutem Essen. Nimm meinen Haddak und gib mir deinen Mursa mit seiner gelb bunten Decke.“

11. Dezember

5. Teil

Aber so sehr der Alte auch bat, der Schütze ließ sich nicht herumkriegen: „Nein. Ich kann dir meinen Mursa nicht abtreten.“ Da flüsterte ihm Mursa auf einmal ins Ohr: „Tausch ruhig. Du bekommst den Palast und behältst mich doch. Tausche!“ Der alte Einsiedler schwenkte den Haddak und sprach: „Palast, verschwinde!“ Im gleichen Augenblick war der Palast fort. Der Schütze nahm den Haddak: „Jetzt gehört Mursa Euch!“

Er verabschiedete sich von dem Einsiedler und zog weiter. Als er einen hohen Bergpass umging, sprach er bei sich: „Habe ich nicht eine Dummheit gemacht? Vielleicht war es falsch, mit diesem Einsiedler zu tauschen. Jetzt habe ich zwar einen herrlichen Palast, aber Mursa ist fort. Was er wohl in diesem Augenblick macht? Ob es ihm gut geht?“

Da hörte er ein dünnes Stimmchen: „Sorge dich nicht, braver Jüngling. Ich gehe neben dir! Ich werde mich niemals von dir trennen!“ Der Schütze fragte: „Und der alte Einsiedler?“ Mursa erwiderte: „Soll er doch seine Verbeugungen machen. Ich bin nicht sein Diener.“

Der Schütze freute sich. Mal gingen sie, mal liefen sie, denn der Schütze sehnte sich danach, seine schöne, junge Frau endlich wiederzusehen.

So wanderte er, ohne die Tage und Nächte zu zählen, rastete nicht und kam endlich zum Meer. Der Schütze dachte: ‚Wenn ich um das Meer herum gehe, dann brauche ich noch einen Monat. Lieber will ich sehen, ob ich hier nicht irgendwelche Schiffersleute finde.“ Also ging er am Meeresufer entlang. Plötzlich sah er an der Küste ein großes Schiff liegen, das voll beladen war mit bewaffneten Männern, die übers Meer setzen wollten. Der Schütze ging heran und sagte: „Ich bin aus einen fernen Land. Seid so gütig und nehmt mich mit hinüber. Darauf sagte der Kriegshauptmann: „Steig ein, wir bringen dich ans andere Ufer.“

Der Schütze stieg auf das Schiff und fuhr mit den Kriegsleuten über die See. Die waren hungrig und setzten sich zum Essen. Der Schütze bat: „Gebt mir auch ein wenig ab!“ Da antworteten die Kriegsleute: „So einer bist du also. Erst willst du mitgenommen werden und nachher sollen wir dich auch noch ernähren! Was haben wir denn davon? Nein, wir geben dir nichts.. Unsere Vorräte sind knapp bemessen, davon können wir dir nichts abgeben.“ Der Schütze sprach: „Eure Vorräte sind knapp bemessen und meine sind unermesslich! Wenn ich will, mache ich euch alle satt und es bleibt noch genug für eine zweite Mannschaft.“

Das ärgerte die Kriegsleute und sie schmähten den Schützen: „Du bist ein Angeber, ein elender Betrüger!“

Sie gingen zu ihrem Hauptmann und erzählten ihm, was der Schütze gesagt hatte. Der Hauptmann ließ den Schützen rufen und fragte: „Hast du dich gerühmt, alle meine Krieger satt machen zu können?“ Erwiderte der Schütze: „Ich habe mich nicht gerühmt, das ist die Wahrheit.“ – „Gut, so zeige es“, sprach der Hauptmann. „Dann glauben wir, dass du die Wahrheit gesagt hast. Doch wenn du gelogen hast, binden wir dir einen büffelgroßen Stein an den Hals und werfen dich ins Meer.“

„Schön, ich will euch beweisen, dass es die reine Wahrheit ist. Setzt euch in zwei Reihen und lasst einen breiten Streifen dazwischen frei!“

Nun setzten sich die Krieger vom Bug bis zum Heck in zwei Reihen gegenüber.

Der Schütze befahl: „So, Mursa, gib den Kriegern satt zu essen!“

Im selben Augenblick rollte sich eine lange gelb bunte Decke von einem Ende des Schiffes zum anderen auf. Sie war mit Fleischspeisen und Getränken, Gemüse und Früchten bedeckt, so viel das Herz begehrte.

Die Krieger langten kräftig zu und vergaßen auch die Weine nicht, doch es blieb immer noch so viel übrig, dass es für ein ganzes Heer gereicht hätte. Der Schütze fragte: „Sind alle satt? „Alle!“, riefen die Krieger zur Antwort. Der Schütze befahl: „Dann räume ab, Mursa!“ Sofort verschwand alles – die Decke samt den Schüsseln, Platten und Kannen.

Die Krieger sperrten vor Staunen den Mund auf: „So ein Wunder haben wir noch nie gesehen!“

Nun wollten sie natürlich die Zauberdecke an sich bringen. Sie setzten dem Schützen zu: „Verkaufe uns den Mursa!“ – Der Schütze antwortete: „Das kann ich nicht. Er ist unverkäuflich!“

Wie sehr sie auch baten und wie viel Gold sie ihm auch boten, er ging nicht darauf ein. „Wenn du ihn nicht verkaufen willst, dann kannst du ja tauschen,Wir geben dir dafür eine wunderbare Sache.“

Der Schütze fragte: „Was könnt ihr mir schon geben? Was wäre kostbarer als Mursa? Ihn brauche ich am meisten.“

Da brachten die Krieger einen goldenen Knüppel mit einem dicken Ende. Den zeigten sie dem Schützen und sagten dazu: „Diesen Knüppel sollst du haben. Er besitzt Wunderkräfte: Man braucht nur mir dem dicken Ende auf den Boden zu schlagen, dann springt eine berittene Kriegerschar hervor, jeder Reiter in einem blitzenden Harnisch, in der Hand einen stählernen Säbel. Schlägt man mir dem dünnen Ende auf den Boden, so kommt Fußvolk ohne Zahl hervor, mit Pfeil und Bogen bewaffnet.“

Mursa sah den Knüppel an und flüsterte seinem Herrn zu: „Mach den Tausch. Du bekommst das Heer und ich werde weiter dir gehören.“

Das machte der Schütze. Er ging auf den Tausch ein und nahm den goldenen Knüppel.

Als das Schiff an der Küste anlegte, zogen die Kriegsleute ihres Weges und der Schütze den seinen. Der Schütze marschierte dahin: „Wo ist bloß mein Mursa?“ Doch Mursa war nicht da, meldete sich nicht. Der Schütze wanderte wieder einen Tag und eine Nacht: „Wo bist du, Freund Mursa?“

Kein Mursa war da, niemand meldete sich. Der Schütze setzte seinen Weg fort. Wieder verstrichen zwei Tage, zwei Nächte. Da rief er seinen Freund abermals: „Wo bist du, Mursa, gib Antwort!“

Aber Mursa ab keine Antwort. Da füllte sich das das Herz des Schützen mit Kummer und er dachte: ‚Sicher hat er mich angeführt. Ich hätte nicht mit diesen Kriegsleuten tauschen sollen!‘

Am fünften Tag gegen Abend, dachte der Schütze: ‚Jetzt versuche ich es zum letzten Mal.‘ Der Schütze rief: „Mursa, antworte, hörst du mich?“ Auf einmal hörte er: „Sei nicht betrübt, wackerer Freund! Dein Mursa ist hier. Ich bin schon gegen Mittag angekommen.“

Der Schütze freute sich über alle Maßen. Er setzte sich nieder und sprach: „Ohne dich wäre ich vor Hunger fast gestorben. Komm lass uns schnell essen!“

Schon rollte sich die gelb bunte Decke auf und die verschiedenen Platten erschienen. Sie schmausten nach Herzenslust, der Schütze und Mursa. Dann gingen sie weiter, Tag um Tag, Nacht um Nacht, bis sie endlich genau zur Mitternachtsstunde beim Lager des Khans Zarkin ankamen.

12. Dezember

6. Teil

Der Schütze trat in seine Kibitka und weckte seine Frau: „Wach auf! Ich bin da!“ Wie freute sie sich da. Rasch stand sie auf und machte Feuer im Herd. Die Frau fragte: „Bist du auch gesund zurück gekehrt?“ Nun begann ein großes Erzählen – was sich alles inzwischen zugetragen hatte und wie es ihnen ergangen war.
Der Schütze fragte: „Was macht unser Khan, ist seine Krankheit vorbei? Fühlt er sich jetzt gut?“ Die Frau erzählte: „Seit dem Tag, an dem du fortgezogen bist, ist unser Khan kerngesund. Er war schon dreimal hier und wollte mich überreden, seine Frau zu werden. Doch jedes Mal habe ich gesagt: ‚Es steht mir nicht zu, an eine neue Heirat zu denken. Mein Mann ist ausgezogen, um eine heilsame Arznei für Euch zu holen. Ich weiß nicht, ob er tot oder lebendig ist. Wie kann ich da einen anderen Mann nehmen?‘ Doch der Khan gab mir nur eine Antwort: ‚Dein Mann ist schon längst bei den Toten.‘ Ich sagte: ‚Zeigt mir seine Knochen, dann werde ich Euch glauben. Sobald ich sie sehe, fange ich an darüber nachzudenken, welche Antwort ich Euch geben werde.‘ Wie der Khan das hörte, befahl er auf der Stelle, mir all mein Vieh und unseren ganzen Besitz zu nehmen. So blieb uns nur die leere Kibitka!“

Als der Schütze das hörte, ergriff ihn ein mächtiger Zorn: „Geh mit mir zum Palast des Khans. Ich werde ihn bestrafen, weil er mich betrogen hat und weil er Gewalt vor Recht ergehen lässt.“

Der Schütze ging zum Palast des Khans. Nicht weit von ihm entfernt blieb er stehen und schwenkte seinen langen Haddak und sprach: „An dieser Stelle soll ein Palast stehen!“
Sofort stand ein Palast da, der bis in die Wolken ragte, so prunkvoll und schön, dass der Palast des Khans daneben wie eine ärmliche Hütte aussah. Der Schütze trat mir seiner Frau in diesen Palast und befahl: „Gib uns zu essen, Mursa!“

Nachdem sie sich gestärkt hatten, trat der Schütze ins Freie und schlug mit dem dünnen Ende seines goldenen Knüppels auf den Boden. Sogleich stiegen Krieger ohne Zahl, bewaffnet mit Pfeil und Bogen, aus der Erde. Die stellten sich vor dem Palasttor auf und warteten auf seine Befehle. Der Schütze sprach zu ihnen: „Lasst niemanden ein, bevor ich aufwache und aufstehe.“

Am Morgen erblickten die Diener des Khans ein riesiges Schloss von nie gesehener Pracht. Sie wussten nicht, was sie davon halten sollten.
Die Diener sprachen: „Das ist ja ein Wunder! Hat hier der Erhörer der Gebete über Nacht ein Schloss errichtet, oder ist es gar Teufelswerk?“
Hals über Kopf rannten sie zum Khan und meldeten ihm, was sie gesehen hatten. Der Khan trat selbst vor die Tür und als er das schöne Schloss sah, schnappte er vor Staunen fast über: „Was ist das? Mein ganzes Leben habe ich keine solche Herrlichkeit gesehen und auch nicht davon gehört. Wer hat das gebaut? Wer wohnt darin? Geht hinein und bringt den Mann her, der in diesem unvergleichlich schönen Palast wohnt!“

Die Boten des Khans gingen sogleich zum Palast. Sie näherten sich dem Schloss und fragten die Türhüter, die groß und streng vor dem Tor standen: „Wem gehört dieses Schloss? Wer ist der Herr, der es bewohnt? Und wer seid ihr? Seid ihr vom Himmel gefallen oder aus dem Boden gewachsen? Los, antwortet!“
Doch die beiden Türhüter grollten mit drohenden Mienen: „Wer seid ihr selber, dass ihr es wagt, uns so zu verhören?“
„Wir sind die Abgesandten des mächtigen Khans Zarkin. Er hat uns befohlen, alles von euch zu erfahren und es ihm sogleich zu melden.“ Die Türhüter entgegneten: „Wer ist dieser… Zarkin? Wir haben nie von ihm gehört. Er geht uns auch nichts an. Wir haben unseren eigenen Khan, der jetzt in seinem schönen Schloss schläft. Schert euch fort, sonst geht es euch ans Leben!“

Da erschraken die Abgesandten. Sie eilten zu ihrem Khan und berichteten ihm alles brühwarm. Der Khan Zarkin war sehr ungehalten: „Ich habe euch nicht hingeschickt, damit ihr mit den Türhütern sprecht, sondern damit ihr den Schlossherrn zu mir bringt.“
Er befahl, die beiden hart zu bestrafen. Danach rief er seine besten Krieger und verlangte von ihnen: „Ergreift den Besitzer des Palastes und schleppt ihn zu mir!“

Die Krieger des Khans erschienen vor dem Palast und schickten sich an, selbst das Tor zu öffnen. Doch die Türhüter stießen sie rau zur Seite: „Wer seid ihr? Geht zurück, wenn euch euer Leben lieb ist!“
Die Krieger des Khans verkündeten darauf: „Wir wurden nicht hierher geschickt, um mit euch zu reden. Wir sollen den Besitzer dieses Schlosses ergreifen und vor unseren Khan bringen.“ „Euer Khan geht uns nichts an. Wir kennen ihn nicht und wollen nichts von ihm wissen!“ Sie walkten also die beiden Krieger gut durch und schickten sie dann nach Hause.

Die beiden Krieger humpelten kläglich zum Khan und stöhnten: „Die Türhüter haben uns nicht in den Palast gelassen. Gegen ihre Kraft kommen wir nicht an. Wir sind nicht einmal halb so stark wie sie.“
Khan Zarkin rief seine Höflinge zu sich und hielt mit ihnen Rat: „Sprecht, was sollen wir tun? Offenbar ist dies ein sehr mächtiger Feind.“ Die Höflinge riefen: „Man muss das Heer gegen ihn ausschicken.“ Der Khan befahl: „Sammelt das Heer und führt es in Stellung! Ruft alle zusammen, die auf einem Pferd sitzen können, so schnell ihr könnt!“

13. Dezember

7. Teil

Die Hauptleute des Khans riefen das Heer zu den Waffen und brachten es zum Palast. Mit 32 Regimentern, in 33 Reihen umzingelte Khan Zarkin das Schloss des Schützen. Dabei ließ er ausrufen: „Komm heraus, solange die Sonne scheint; wir wollen unsere Kräfte aneinander messen!“

Der Schütze hörte den Ruf. Er öffnete ein Fenster, lehnte sich hinaus und fragte: „Wer sind denn diese Leute? Was wollen sie hier?“

Die Krieger schrien hinauf: „Wir sind die Truppen des mächtigen Khans Zarkin!“ – Der Schütze erwiderte: „Ich bin weder der Freund noch der Feind des Khans. Ich wohne in meinem Haus und will keinen Streit. Doch wenn der Khan gegen mich Krieg führen will, werde ich kämpfen. Dann soll er mir offen den Krieg erklären.“

Der Khan Zarkin schrie: „Los! Kämpft!“

Der Schütze trat aus seinem Schloss und schlug mit dem dicken Ende des goldenen Stabes auf die Erde. Im selben Augenblick stand eine Reitertruppe vor ihm, so stark, dass man die Krieger weder zählen noch mit dem Auge umfassen konnte. Sie alle trugen einen blitzenden Harnisch und gute Waffen. Sie hoben die Waffen und fragten wie aus einem Mund: „Wie lautet der Befehl?“ Der Schütze rief: „Kämpft mit den Truppen des Khans!“

Die Truppen rückten vor, die Schlacht begann. Der Schütze aber schlug mit dem dünnen Ende auf, da erschienen Bogenschützen, unzählbar viele. Sie erhoben ihre Bögen und fragten: „Wie lautet der Befehl?“ Der Schütze rief: „Kämpft mit den Truppen dieses Khans.“

Da kamen die Bogenschützen den Berittenen zu Hilfe. Die Krieger des Khans gerieten ins Wanken und wichen zurück. Die Truppen des Schützen aber rückten unausweichlich vor, schlugen die Feinde in die Flucht und säbelten sie nieder. Am Morgen begann die Schlacht und als der Abend kam, war niemand mehr da, gegen den man kämpfen konnte. Auch der Khan Zarkin war schon drauf und dran, ergriffen zu werden, doch er sprang vom Pferd und rannte, was er konnte zu dem Schloss des Schützen und schrie laut: „Schenkt mir mein Leben! Gnade!“ – Der Schütze befahl seinen Leuten: „Tötet ihn nicht, schafft ihn lebendig zu mir. Ich will mit ihm sprechen.“

Man packte den Khan an Armen und Beinen und schleppte ihn vor den Schützen. Er verneigte sich tief vor ihm, den er in seiner Angst nicht erkannte und bat: „Seid gnädig und schenkt mir mein Leben!“
Da lachte der Schütze: „Keine Bange, ich töte Euch nicht! Ihr wolltet Krieg mit mir und den habt Ihr bekommen. Jetzt aber werde ich Euch bewirten. Mursa, richte das Essen an!“

Die gelb-bunte Decke entrollte sich, die Speisen und Getränke standen darauf. Der Schütze lud den Khan ein. Während er ihm so die Teller füllte, fragte er wie nebenbei: „Ich habe gehört, dass in Eurem Lager ein Schütze lebt, ein tapferer Kerl. Wo ist er jetzt? Ich würde gern einmal einen Blick auf ihn werfen.“ – Der Khan erwiderte: „Der ist nicht da.“ – Der Schütze fragte wieder: „Wo ist er denn?“ – Der Khan Zarkin erwiderte: „Er ist tot.“ – Der Schütze meinte: „So, so, wir haben gehört, dass er noch am Leben ist.“ – Der Khan erzählte: „Er ist in ein unbekanntes Land gezogen. Er hätte schon längst wieder zurück sein müssen. Deshalb nehmen wir an, dass er gestorben ist.“ Der Schütze fragte: „Wer hat ihn in das unbekannte Land geschickt?“ – Der Khan antwortete: „Niemand hat ihn geschickt. Er ist aus freien Stücken in die Ferne gewandert. Was er dort wollte, weiß ich nicht.“

Da wurde der Schütze zornig: „Ich habe gesagt, dass ich Euch nicht töten würde, aber darf man einen so schamlosen Lügner am Leben lassen? Ihr habt Euch krank gestellt, weil Ihr die Frau des Schützen für Euch haben wolltet. Ihr habt den Schützen ausgeschickt, dass er Euch die Milch der Tigerin hole. Dann habt Ihr ihm befohlen aus einem unbekannten Land eine Sache zu bringen, die keinen Namen und keine Gestalt hat. Schaut mich gut an, falls Ihr vor Angst nicht gänzlich blind seid! Ich bin der Schütze… Ich war Ich-weiß-nicht-wo und habe die Sache gebracht, die keinen Namen und keine Gestalt hat. Es ist Euch nicht gelungen, mich zu töten und Euren heimtückischen Plan auszuführen. Gerechtigkeitshalber müsste ich Euch eigentlich töten.“

Der Khan begann vor Angst zu zittern. Er warf sich dem Schützen zu Füßen, kroch auf den Knien vor ihm herum und flehte winselnd: „Schenkt mir mein Leben!“
Der Schütze stieß ihn mit dem Fuß zurück und sprach: „Ihr habt viele Missetaten verübt, doch ich trachte Euch nicht nach dem Leben. Es ist Euch von nun an verboten, in dieser Gegend zu leben. Verschwindet und kommt nie wieder hierher zurück!“
Khan Zarkin antwortete: „Habt Dank für Eure Gnade.“ Khan Zarkin nahm alle seine Angehörigen und machte sich eiligst davon. Seither hat ihn niemand mehr gesehen.

Der junge Schütze aber lebte mit seiner jungen Frau im Reich des ehemaligen Khan. Sie liebten einander sehr und ließen es sich gut gehen.

Kirigisistan

Die goldene Schale und andere Märchen der Völker der Sowjetunion, Verlag Progress, Moskau, o. J.