Die Fee aus dem Granatapfel

16. Dezember

Die Fee aus dem Granatapfel (Teil 1)

17. Dezember

Die Fee aus dem Granatapfel (Teil 2)

18. Dezember

Die Fee aus dem Granatapfel (Teil 3)

19. Dezember

Die Fee aus dem Granatapfel (Teil 4)

16. Dezember

Vor vielen, vielen Jahren, lebte in einem Land, das an Herrlichkeit alle anderen Länder übertraf, ein alter König. Er herrschte über große Städte, besaß Paläste und hatte viele Soldaten; und alle seine Untertanen liebten ihn. Dieser König hatte drei Söhne. Die beiden älteren hatten bereits ihre Frauen gewählt. Nur der Jüngste, sorgfältig erzogen, gut gebildet und schön, namens Nasim hatte bisher keine Frau gesucht. Er sehnte sich nach einem Mädchen, das nicht nur lieblich und weise war, sondern auch so schön, dass von ihrer Anmut die Vögel singen und von ihrer Großherzigkeit der Wind im ganzen Land erzählen würde. Und so einem Mädchen war er bisher noch nicht begegnet.

Doch einmal, bei einem gemeinsamen Gastmahl, fragten die Frauen der beiden Brüder: „Nasim, du Stolz des erhabenen Königsgeschlechts, sieh hin auf die Freuden deiner Brüder. Sie sind glücklich und zufrieden, weil sie uns haben. Du aber bist immer traurig und betrübt. Warum nimmst du nicht auch eine Frau?“ Nasim erwiderte: „Ich werde erst dann heiraten, wenn ich so ein Mädchen gefunden habe, wie ich es mir ersehne. Meine Erziehung war sorgfältiger als die meiner Brüder. Ich bin weiser als sie. Ein Mädchen, wie es Tausende gibt, will ich nicht nehmen. Meine Sehnsucht geht nach einer Frau, die durch ihre Schönheit und Güte alle Übrigen in den Schatten stellt. Eine andere heirate ich nicht!“ – Da sagen die Schwägerinnen: „Wenn dir alle Frauen so unansehnlich erscheinen, warum nimmst du dir dann nicht die Fee aus dem Granatapfel? Von ihrer Schönheit spricht man weit und breit. Von ihrem Glanz erblasst die Sonne. Ihre Haare sind schwärzer als die Finsternis um Mitternacht. Sie schlank und vom edlem Wuchs einer jungen Pinie. Ihr Gang gleicht dem Tanz zum Klang silberner Trommeln. Oder sollte sogar sie keine Gnade vor deinen Augen finden?“
Nasim gefiel die Schilderung der Fee aus dem Granatapfel und der beschloss, sie zu suchen. Er ließ sein schnellstes Pferd satteln, sagte niemandem ein Sterbenswörtchen, verabschiedete sich auch von niemandem und zog in die Welt.

Er ritt Tag und Nacht, ritt lange Wochen und Monate, befragte die Menschen da und dort, aber niemand konnte ihm einen Rat geben. Erschöpft vom Hunger und gequält vom Durst machte er an einem späten Abend mit seinem Pferd inmitten einer ausgedörrten Wüste halt. Ringsum, so weit das Auge reichte, nur Sand, nirgends auch nur eine einzige Menschenseele, nirgends weder Haus noch Zelt, nirgends ein Tier, das ihm über den Weg gelaufen wäre. Nasim dachte an seinem Vater, an seine Mutter. Er dachte an seine Brüder und brach in bittere Klagen aus: „Warum habe ich mich für weiser gehalten als die Übrigen, wenn dem doch nicht so ist? Warum überkam mich die Sehnsucht nach der Fee aus dem Granatapfel, wenn ich sie doch nirgends finden kann?“ So und ähnlich klagte der unglückliche Prinz und heiße Tränen liefen ihm über sein vergrämtes Antlitz.
Plötzlich fühlte er irgendjemandes Hand auf seiner Schulter. Rasch wandte er sich um. Vor ihm stand ein Greis, dessen Gesicht von einem dichten, weißen Bart umrahmt war, der ihm bis zum Gürtel reichte. Er trug ein einfaches Gewand und seine Sandalen waren grau vor Staub. Er stützte sich auf seinen Stock und sein Blick ruhte mit einem gütigen Lächeln auf Nasim.
„Was suchst du hier, mein Sohn?“ Er schickte sich an, sich an, sich neben Nasim niederzulassen. Es war ein Derwisch, ein weiser, gütiger Derwisch, der unermüdlich durch die Welt wanderte und überall half, wo es not tat.

„Friede sei mit dir“, grüßte Nasim. Er nahm seinen Mantel ab, damit der Greis weicher sitze. „Gern will ich dir mein Schicksal anvertrauen. Ich habe mein Vaterhaus ohne Abschiedsworte verlassen. Ich nahm das schnellste Pferd aus dem Stall meines Vaters und ritt davon, um die Fee aus dem Granatapfel zu suchen. Wie viele Monate ich unterwegs bin, weiß ich selbst nicht mehr. Ich und mein Pferd gehen vor Hunger, Ermüdung und Durst langsam zugrunde. Sag mir, lieber Greis, weißt vielleicht du, wo ich die Fee aus dem Granatapfel finden kann?“ – „Ich weiß es. Allein die Stadt, in der die Fee aus dem Granatapfel lebt, gelangst du weder zu noch auf einem Pferd. Viele lange Jahre scharfen Rittes ist sie von hier entfernt. Doch ich kenne dich gut, Nasim. Ich weiß, dass du niemals jemanden betrübt hast. Darum will ich dir helfen. Ohne meine Hilfe würdest du hier sterben niemand würde eine Gebeine finden, um sie zu beweinen.“ Nach diesen Worten richtete er sich der Alte auf und ergriff Nasims Hand: „Fasse fest meinen Stock und schließe deine Augen!“

Nasim gehorchte. Er fasste fest den Stock, schloss die Augen und als er sie wieder öffnete, stand er in einem herrlichen, grünen Garten mit betäubend duftenden Blüten. Auf Bäumen, deren Äste sich unter Granatäpfeln und anderen seltenen Früchten bogen, sangen Vögel, deren buntes Gefieder durch seinen Glanz die Augen blendete. Große, bunte Schmetterlinge umflatterten Nasims Haupt, und eine angenehme Kühle aus vielen Springbrunnen umfächelte seine brennend heiße Wangen.

„Hab Dank, lieber Greis. Möge dein Schatten niemals abnehmen!“, wandte Nasim sich an seinen Begleiter, doch der Derwisch war seinen Blicken entschwunden. Er nahm also das Pferd am Zügel und band es an den nächsten Baum. Dann begab er sich in die Tiefe des Gartens.

In weiter Ferne erblickte er einen herrlichen Palast, der im Licht der Sonne golden glänzte und gleißte. Vor dem Palast stand ein hoher Baum, dessen Zweige sich unter der Last von Granatäpfeln bogen. Unter dem Baum ruhte ein Riese. Der Kopf des Riesen war so groß wie die Kuppel von Allahs größter Moschee. Seine Hände waren so lang wie eine Platane, sein Körper breit und ausgedörrt wie eine Wüste. Feindselig betrachtete der Riese Nasim: „Wer bist du, du abscheulicher Mensch, und warum bist du hierher gekommen?“, seine Stimme donnerte wie ein Frühlingsgewitter zwischen Felsen.
Nasim trat unerschrocken vor den Riesen und sprach: „Ich bin Nasim, der jüngste Sohn des erhabensten aller Könige. Ich bin gekommen, um die Fee aus dem Granatapfel als meine Frau heimzuführen. Lange Monate habe ich sie gesucht. Erst als ich mich vollkommen erschöpft in der Wüste verirrt hatte, erschien ein gütiger Greis und brachte mich hierher. Jetzt bitte ich dich um Hilfe. Sage mir, wo finde ich meine Braut?“
Der Riese brach in zorniges Gelächter aus und setzte eine abscheuliche, finstere Miene auf: „Die Fee aus dem Granatapfel ist meine liebste Tochter. Ich gebe sie dir zur Frau, wenn du eine Bedingung erfüllst. Ich bin alt und müde und finde weder Rast noch Ruhe. Lass dich hier nieder, und ich will meinen Kopf auf deine Knie legen, um ein wenig zu schlummern. Du wirst meinen Schlaf behüten. Solltest du mich aber stören, wirst du um einen Kopf kürzer sein!“
Der Riese setzte sich zu Nasim, stützte seinen Kopf auf dessen Knie und schlief ein. Er war schwer und sein keuchender Atem glich einem heftigen Sturmwind. „Halte aus, Nasim!“, erklang eine weiche, liebliche Mädchenstimme über seinem Kopf. Nasim wandte sich vorsichtig um. Er sah jedoch nur schöne Granatäpfel, die über ihm an einem Zweig hingen. Nasim flüsterte: „Wer spricht denn da?“ Die Granatäpfel bewegten sich leicht Da ertönte eine glockenhelle, klare Stimme: „Wir, die Töchter des Mannes, dessen Kopf in deinem Schoß ruht. Wenn du aushältst, wirst du unseren Vater und mit ihm auch uns befreien.“ – „Ich halte aus. Ich halte aus, seid ohne Furcht!“ Er sprach leise und rührte sich nicht, um den Riesen nicht zu stören.

Er saß einen Tag, er saß zehn Tage, er saß bereits einen ganzen Monat, gestärkt vom Flüstern und dem lieblichen Gesang der Granatäpfel. So saß er da und betrachtete den schlafenden Riesen, dessen Gestalt von Tag zu Tag kleiner wurde. Am vierzigsten Tag ruhte in Nasims Schoß der Kopf eines gewöhnlichen Greises, dessen silberner Bart Weisheit und dessen Kleid eine vornehme Herkunft ahnen ließen.
Als sich die Sonne gegen Westen neigte, öffnete der Mann die Augen. Er erhob sich und umarmte Nasim. Er sprach liebevoll: „Du hast mich gerettet, mein Sohn. Du hast mich dadurch befreit, dass du meinen Schlaf geduldig behütet hast. Du sollst deinen Lohn von mir haben. Ich gebe dir meine liebste Tochter. Wenn ich mich in den Palast begebe, pflücke von dem Baum, unter dem ich geruht habe, fünf Äpfel. Doch du darfst weder nach links noch nach rechts blicken, was immer auch um dich herum geschehen mag. Diese fünf Äpfel verwahre in deiner Reisetasche und verlasse den Garten. Eines aber vergiss nicht! Wenn die Fee aus dem Granatapfel vor dir stehen wird, weiche keinen Augenblick von ihrer Seite! Wenn du nicht gehorchst, strafst du dich selbst!“
Er drückte Nasim noch einmal an sein Herz und begab sich in den Palast.

17. Dezember

2. Teil

Sobald die Gestalt des Königs im Hauptportal verschwunden war, streckte Nasim die Hand nach dem ersten Apfel aus. Im selben Augenblick versank die Sonne, in Nasims Rücken erklang herzzerreißendes Klagen, verzweifelte Hilferufe, Drohungen und heftiges Schluchzen. Ein kalter Wind bewegte die Zweige und ein heftiger Regen blendete Nasims Augen. Eingedenk der Warnung des Königs blickte Nasim weder hinter sich, noch rechts, noch links, pflückte rasch fünf Äpfel, steckte sie in seine Tasche und lief schnell zu seinem Pferd.
Der Garten hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verändert.
Das Gras war hoch und schlüpfrig. Es schlang sich um Nasims Kleider und hinderte ihn am Gehen. Die Vögel mit den bunten Federn hatten ich in scheußliche, schwarze, krächzende Ungeheuer verwandelt. Durchsichtige Schmetterlinge in der Gestalt riesiger Fledermäuse drangen auf ihn ein und das eisige Wasser der Springbrunnen verbreitete eine durch Mark und Bein dringende Kälte. Das Rollen des Donners dröhnte über seinem Kopf und glühende Blitze zuckten über den dunklen Himmel.
Bei Nasims Pferd stand wartend der gute, alte Derwisch und wies schweigend auf seinen Stock. Nasim umfasste ihn mit fester Hand und schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, war er in seiner Heimat, in einem der Täler, die zum Königreich seines Vaters gehörten. In der Ferne sah er die schlanken Türme des väterlichen Palastes.
Voller Freude atmete er auf, dankte ins Leere hinein, denn der Derwisch war bereits wieder verschwunden, und ritt noch ein Stückchen an den nahen See heran. Unter einem Baum ließ er sich nieder und holte aus der Tasche vorsichtig die Granatäpfel und ein scharfes Messer hervor.
Kaum hatte er einen der Äpfel angeschnitten, sprang eine anmutige Fee heraus. Sie war durchsichtig und unwirklich und streckte Nasim ihre wie ein Schleier zarten Händchen entgegen und bat flehentlich: „Ich habe Hunger, ich habe Durst. Gib mir Brot und Wasser.“ Nasim hatte kein Brot und bevor er sich bücken konnte, um Wasser aus dem See zu schöpfen, war die Fee verschwunden. Der betrübte Prinz schnitt den zweiten Apfel auf, den dritten und den vierten Apfel, und in jedem war eine schöne Fee und eine jede bat ihn um Brot und Wasser. Da Nasim ihnen beides nicht geben konnte, lösten sie sich auf wie kleine Wolken. Ehe er den fünften Apfel anschnitt, ritt Nasim eilig zur nächstgelegenen Hütte. Eine fRau, die rasch ihr Gesciht vor ihm verhüllte, bat er:„Schenke mir ein Stück Brot.“ Nachdem sie ihm das Brot gegeben hatte, kehrte er an den See zurück und zerschnitt den letzten Apfel. Auch diesmal erschien vor ihm eine Fee, noch lieblicher, als es die vorherigen gewesen waren. Rasch reichte er ihr das Brot und ließ sie dann das Wasser trinken, das er mit der Hand aus dem See geschöpft hatte.
Kaum hatte sie etwas gegessen und getrunken, verwandelte sich die Fee in ein Mädchen, in das schönste aller schönen, in das lieblichste aller lieblichen, in das schlankste aller schlanken Mädchen. Ihr Haar war schwärzer als die Finsternis um Mitternacht. Ihr Antlitz war so zart wie die Rosenblätter im Garten des Königs. Sie roch nach einem frisch aufgeschnittenen Granatapfel. Ihre Füße waren klein und zierlich und ihre Augen leuchtender als Edelsteine. Sie war in ein so prachtvolles Gewand gekleidet, wie es Nasim noch nie zuvor gesehen hatte. Sie öffnete ihren Mund und ihre Stimme war klarer als der Klang silberner Glöckchen: „Ich heiße Roschana und will deine Frau sein, Nasim. Ich weiß, dass du weise und edel bist. Durch deine Geduld und Ausdauer hast du meinen Vater, mich und meine Schwestern befreit. Hilf mir auf dein Pferd. Ich gehe gern mit dir in dein Haus.“ Nasim vermochte kaum aus dem Zauber zu erwachen.

Nasim rief aus: „Nein, deine Schönheit Roschana, ist zu groß als dass du in meine Vaterstadt einzögest und niemand dich bewunderte. Wie eine wirkliche Königin musst du erscheinen. Die Untertanen meines Vaters sind gut und arbeitsam. seine Räte sind erfahren und besonnen. Sie alle müssen belohnt werden durch einen Blick auf dein Antlitz, auf dem sich das goldene Licht der Sonne, der silberne Schein des Mondes, die Unberührtheit des ersten Schnees und das Dunkel tiefer Sommernächte vereinigen. Du wirst nun hier auf mich warten. Ich reite allein den Palast, um die Kunde zu überbringen, welch eine Frau ich nach Hause bringe. Ich komme zurück und hole dich, und du wirst empfangen werden, wie es dir gebührt.“

Roschana widersprach nicht. Sie ließ ihre Augen nicht von Nasim, als ihr dieser einen weichen Sitz in den Zweigen eines Baumes bereitete, der sich über den See neigte. Sie ließ sich darauf nieder und sah dem Prinzen nach, wie er mit dem Wind um die Wette zur Stadt jagte.

Die Frau, die Nasim das Brot gegeben hatte, war die böse Sulejma. Sie hatte grobe und hässliche Züge und ihre Bewegungen waren plump. Ewiger Neid fraß an ihrem bösen Herzen. Sie lebte allein in ihrer Hütte am Rand der Stadt, niemand entbehrte sie, niemand sehnte sich nach ihr. Als sie den Prinzen mit dem geschenkten Brot zum See reiten sah, folgte sie ihm neugierig mit ihren Blicken. Aber der See war weit entfernt und sie konnte nichts sehen. Darum entschloss sie sich, näher heranzugehen. Sie hüllte sich in einen Schleier, nahm einen großen Krug aus Ton und machte sich auf den Weg.

Es verdross sie, als sie den Prinzen eilig zur Stadt davon reiten sah; da sie jedoch in ihrer Hütte wirklich keinen Tropfen Wasser mehr hatte, ging sie bis an den See. Auch wollte sie sich alles gut ansehen und feststellen, warum der Prinz solange beim See geblieben war.

Vorsichtig schlich sie sich an und spähte aufmerksam umher. Dann wandte sie sich dem See zu und schrie vor Überraschung leise auf: Im Spiegel der Wasseroberfläche zeigte sich ein Mädchenantlitz voller Lieblichkeit.

„Ach, wie bin ich schön geworden!“, Sulejma jubelte, denn sie dachte, es wäre ihr eigenes Bild. „Mein Haar glänzt so sehr, dass es richtig leuchtet! Wie rot ist mein Mund! Wie süß und zart ist das Oval meines Antlitzes! Oh, möge ich doch niemals altern! Möge meine Schönheit niemals verblassen!“

Das rief die eingebildete Sulejma wieder und wieder und warf den Wasserkrug weit von sich: „Für eine so schöne Frau wie ich es bin, ist es unwürdig Lasten zu tragen!“ Sie beugte sich über den See, um sich selbst genauer zu betrachten. Da erstarrte sie vor Entsetzen. Neben dem anmutigen Antlitz eines Mädchens erschien das Bild eines bösen Hexengesichts mit unordentlichen Strähnen glanzloser Haare, mit farblosen, zu einer schmalen Linie voller Bosheit geformten Lippen. Ein fröhliches Lachen, das über ihr erklang, reizte Sulejma noch mehr. Heftig wandte sie sich um und sah, die auf den Zweigen sitzende Fee aus dem Granatapfel.

„Wer bist du?“ Sulejma schüttelte erbost den Baum. „Zeig dich, damit ich dich besehen kann.“ – „Ich bin Roschana, die Fee aus dem Granatapfel. Prinz Nasim ist mein Verlobter. Ich warte hier auf ihn.“

Die böse Sulejma stammelte mit möglichst angenehmer Stimme: „Prinz Nasim kommt nicht mehr zurück, um dich zu holen, Roschana. Er schickt mich, ich soll dich zu ihm führen. Komm herab, du Licht meiner Augen, komm, ich will dir den Weg zeigen.“ Roschana sprang vom Baum. Darauf hatte die böse Sulejma nur gewartet. Sie packte die liebliche und zarte Fee mit ihren kräftigen Händen, riss ihr das kostbare Gewand vom Leib und warf sie in den See. Auf der Oberfläche erschien, dort wo sich das Wasser über der Fee geschlossen hatte, im gleichen Augenblick eine wundervolle, weiße Blüte. Sulejma wandte sich zornig ab, legte rasch Roschanas Kleider an, verhüllte ihr Antlitz mit Roschanas Schleier und stieg auf den Baum. Kaum hatte sie sich auf dem weichen Sitz niedergelassen, kehrte der Prinz an der Spitze eines langen Zuges vornehmer und adliger Männer aus dem ganzen Königreich zurück. Sulejma empfand keine Reue über ihre böse Tat. Ohne Zögern reichte sie dem Prinzen ihre raue Hand und stellte sich stolz neben ihn. „Entziehe deinen Anblick nicht denen, die gekommen sind, um dich als Tochter zu begrüßen, meine schöne Roschana.“ Mit diesen Worten hob der Prinz leicht ihren Schleier.

Die zahlreichen vornehmen und adligen Männer erstarrten. Das Antlitz, das Prinz Nasim vor ihnen enthüllte, war hässlich und alltäglich, mit so abstoßenden Zügen und einem so hochfahrenden Ausdruck, dass sie heftig erschraken. Auch Prinz Nasim erschrak, als er sah, was für eine Veränderung an seiner Fee vor sich gegangen war. Zu spät erinnerte er sich an die Warnung des alten Königs im Garten der Granatäpfel. Doch er war zu stolz, und auch zu rücksichtsvoll, um sich seine Enttäuschung anmerken zu lassen. Er half Roschana auf sein Pferd und führte sie an der Spitze des Zuges in den väterlichen Palast.

18. Dezember

3.Teil

Nicht alle waren so nachsichtig gegenüber dem Mangel an Anmut und guten Eigenschaften von Prinz Nasims Frau. Seine Mutter verließ aus Gram ihr Gemach nicht mehr. Die Gattinnen von Nasims Brüdern überhäuften ihn mit schadenfrohen Worten: „Du wolltest keine alltägliche Frau, Nasim, du Stolz des erhabensten Königsgeschlechts. So hast hast du nun eine außergewöhnliche, nämlich ein außergewöhnliches Scheusal! „Du hast dir eine Frau mit einem guten Herzen gewünscht. Aber wir haben gesehen, wie sie einen armen alten Mann von ihrer Schwelle verjagte, der um ein Almosen bat.“ „Du hast dich nach einer freundlichen Frau gesehnt. Roschana weckt dich mit Geschimpfe aus dem Schlaf und schläfert dich mit Geschrei ein.“

Dann eilten sie aus dem Saal, um der bösen Sulejma nicht begegnen zu müssen. Betrübt ging Nasim im Palast umher, traurig wanderte er durch den Garten. Er grämte sich und dachte Tag und Nacht darüber nach, wie Roschana ihre Schönheit, ihre Güte und ihre Freundlichkeit wiedergewinnen könnte. Der ewige Streit ihn immer wieder aus dem Haus und er floh zum See, wo er seine anmutige Fee verlassen und sie dann so hässlich verändert wiedergefunden hatte. Er saß dann unter dem Baum, aus dessen Zweigen er einst Roschana die weiche Ruhestatt geflochten hatte, um stundenlang auf die weiße Blüte zu schauen, die auf der Wasseroberfläche schwebte. Es war ihm, als hörte er wieder den Gesang der Feen, der ihn gestärkt hatte, als er den Schlaf des alten, in einen Riesen verwandelten Königs, hütete. Er neigte sich zur Blüte und hatte das Gefühl, als hätten zarte Hände ihn berührt.

Eines Tages fand die böse Sulejma heraus, was Prinz Nasim zum See lockte und befahl: „Ich will diese Blüte! Wenn ich sie bei mir haben werde, wird dich nichts mehr von mir vertreiben.“ In Wirklichkeit jedoch wollte sie die Blüte vernichten und so ein für allemal der Erinnerung an die Fee aus dem Granatapfel los werden.
Der betrübte Nasim lebte auf. Er dachte bei sich: ‚Vielleicht wird sich Roschana beim Anblick der auf dem See schwebenden Blüte an die Zeit erinnern, in der sie mit ihren Schwestern im Garten der Granatäpfel gelebt hat. Vielleicht wird der Duft der Blüte Roschana von dem Zauber erlösen, der sie in seinem Bann hält, seit ich sie verlassen habe, um alles für ihre feierliche Ankunft vorzubereiten.‘ Er nahm von der bösen Sulejma Abschied und eilte an den See.

Sulejma ging unterdessen im Garten umher. Missmutig riss sie Blüten vom Mandelbaum, verfolgte mit hasserfüllten Augen die Vögel, die sich vor ihr in den Zweigen verbargen, zertrat mit ihren goldenen Sandalen Rosen und sah alle mit finsteren Blicken an.

Auf einem der vielen Wege näherte sich ihr eine gebrechliche Greisin in ärmlichen Kleidern und bat: „Ich habe von dir gehört, hoch geschätzte Frau. Meine Mutter hat mir einst von der Fee aus dem Granatapfel erzählt. Sie sagte, wen du mit einem Lächeln erfreust, von dessen Seite weicht für immer der Kummer. Ich bin schwach und kann nicht mehr arbeiten. Ich habe nichts zu essen. Schenke mir ein freundliches Wort. Hilf mir, das Ende meiner Tage in Ruhe zu erleben.“
Sulejma schrie: „Geh mir aus den Augen, abscheuliche Alte!“ Sulejma hob drohend die Hand. „Faul bist du, darum hast du nichts! Ich bin nicht so dumm wie Prinz Nasim. Ich lass mir das Königreich nicht Stück für Stück stehlen! Du musst nicht essen, wenn du nicht arbeitest! Geh mir aus den Augen!“ Erstaunt und entsetzt wandte sich die Greisin von der bösen Sulejma ab und eilte weinend aus dem königlichen Garten. Vor dem Palast begegnete sie dem Prinzen Nasim. Er fragte: „Warum weinst du, Mütterchen? Wer hat dir Leid zugefügt?“

Die Greisin klagte: „Ich bin ein armseliges Weib. Ich kann nicht mehr arbeiten. Meine Augen sind schon schwach. Sie sehen die feinen Stiche nicht mehr. Meine alten Hände sich nicht mehr imstande, eine Nadel zu halten. Ich habe nicht zu essen. Meine Mutter hat mir einst von der Fee aus dem Granatapfel erzählt. Ich ging zu ihr, um mir ein freundliches Lächeln zu erbitten und so mein müdes Herz zu erfreuen. Doch die Fee habe ich nicht gefunden. Eine böse, hässliche Frau fand ich, die mich fort gejagt hat. Unglücklicher Prinz! Was hast die dir zuschulden kommen lassen? Wer hat dich so bestraft?“ Der Prinz seufzte: „Niemand hat mich bestraft. Ich selbst habe mich bestraft, Mütterchen. Hier, bitte, nimm meinen Geldbeutel. Kaufe dir Reis und Brot. Stille deinen Hunger.“ Er reichte der Greisin den Beutel mit dem Geld, blickte auf die weiße Blüte in seiner Hand und sprach: „Du hast den Trost eines freundlichen Wortes gesucht. Erfreue dich wenigstens an dieser Blüte. Sie sollte jener gehören, die dich von sich gejagt hat. Ich glaube nicht, dass die Blüte das Eis ihrer Starrsinns durchbrechen kann. Ich schenke sie lieber dir!“
Noch einmal legte Nasim die Blüte an seine Wange, noch einmal genoss er ihren Duft, noch einmal vernahm er das Singen des Granatapfelbaumes. Dann reichte er die Blüte der Blüte die Greisin und eilte in den Palast. Die beschenkte Greisin ging nach Hause, legte die Blüte behutsam auf ihr einfaches Bett, und erst dann ging sie, um Brot zu kaufen. Als sie zurückkehrte, war ihre Stube rein gefegt, die Wände weiß getüncht, und das blankgeputzte Geschirr stand geordnet auf dem Gestell. Am Herd machte sich ein liebliches Mädchen in einem einfachen Kleid zu schaffen.

Das Mädchen bat eindringlich: „Lass mich deine Tochter sein, Mütterchen.“ Jedes ihrer Worte klang wie die Silbermünzen aus dem Geldbeutel des Prinzen Nasim. „Ich bin allein, so wie du. Zu zweit wird es fröhlicher sein. Gerne will ich dir bei allem behilflich sein. Ich kann nicht müßig gehen. Nur um eines bitte ich dich: Frage mich nicht, wer ich bin. Ich könnte dir nicht die Wahrheit sagen.“
Die überraschte Greisin wandte den Kopf zum sorgfältig gemachten Bett. Die weiße Blüte war verschwunden. „Möge dein Entschluss ein glücklicher sein, meine Tochter.“ Sie trat an das Mädchen heran und küsste sie herzlich. „Ich heiße dich willkommen in meinem Haus, das von heute an auch dein Heim ist!“

Dann setzten sie sich gemeinsam zu Tisch und aßen das Brot, das die Greisin gebracht und auch den Reis, den das Mädchen rasch zubereitet hatte.
Für die arme Greisin brachen freudige Tage an. Sie brauchte sich um nichts zu kümmern, musste sich mit keiner Arbeit abmühen. Sie ruhte nur und sah den flinken Fingern ihrer Tochter zu, unter denen kostbare Stickereien, feine Schleier und Schals und Decken mit ungewöhnlich schönen Mustern entstanden. Von weit und breit kamen Kaufleute in die Hütte der Greisin und trugen von dort die Arbeit des fleißigen Mädchens in die ganze Welt. Bald zog Wohlstand in das schlichte Häuschen am Rand der Stadt ein.

19. Dezember

4. Teil

Einmal hatte das Mädchen einen Teppich gewebt, bei dessen Anblick einem die Augen übergingen. Sie sprach: „Diesen Teppich, Mütterchen, verkaufe nicht den Händlern. Nimm ihn dir selbst. Er möge dir zur Freude dienen. Schmücke mit ihm dein Bett, damit dein graues Haupt weich ruht. Mein ganzes Herz ist in diesem Teppich. Fremde Menschen hätten kein Verständnis dafür. Er gehört dir, dir allein.“

Mit zitternder Hand streichelte die Greisin über den Teppich, der seidig glänzte, schüttelte den Kopf und sprach: „Zu meiner Hüte passt so viel Schönheit nicht. Du selbst bist ihr schönster Schmuck. Erlaube mir, damit ein bedürftigeres Herz zu beglücken als es das meine war, bevor du die Schwelle meiner Hütte überschritten hast. Prinz Nasim, der Stolz des erhabenen Königsgeschlechts, liegt krank danieder. Ein böses Schicksal quält ihn in Gestalt einer schlimmen Frau, die er aus fernen Ländern mitgebracht hat. Ihm werde ich deinen Teppich schenken. Vielleicht lindert er seinen Kummer und bringt Freude in sein Haus.“

Das Mädchen antwortete mit keinem einzigen Wort, nur ihre Wangen zeigten eine leichte Röte.

Die Greisin kleidete sich an, nahm den Teppich , der leicht wie eine Feder war, und ging. Im großen Saal des königlichen Palastes begegnete sie der bösen Sulejma. Schwer, allzu schwer, war das Leben des Prinzen Nasim: Alle Spiegel hatte Sulejma zerschlagen, alle Seen verschütten, alle Brunnen zudecken lassen, um sich selbst nicht sehen zu müssen. Sie kleidete sich in die kostbarsten Stoffe und doch wurde sie von Tag zu Tag hässlicher und verstockter. „Was willst du hier, du altes Weib?“ herrschte sie die Greisin an. Aber diesmal erschrak die Greisin nicht vor ihr.

„Ich bringe ein Heilmittel für den Prinzen Nasim“, antwortete sie furchtlos und sah fest in Sulejmas stechende Augen. „Führe mich zu ihm, Herrin!“ Sulejma schrie: „Fällt mir gar nicht! Zeig zuerst mir, was du bringst! Hier befehle ich! Du siehst weder so weise noch so adelig aus, als dass du dem Prinzen in seiner Krankheit Erleichterung bringen könntest. Willst vielleicht du, ein altes Weib, dich unterstehen, die gelehrtesten Männer zu verspotten, die versucht haben, dem Prinzen seine Gesundheit wiederzugeben?“

Durch Sulejmas Geschrei herbeigerufen, erschienen Diener im Saal, es kamen auch Nasims Brüder mit ihren Frauen herbei gelaufen Selbst Prinz Nasim kam, den der Lärm geweckt hatte. Er war traurig, abgemagert und im Gesicht verfallen. Er sagte mit leiser Stimme: „Was führt sich zu mir Mütterchen? Welches Heilmittel bringst du mir?“

Schweigend breitete die Greisin den Teppich zu den Füßen des Prinzen aus. Der Teppich erleuchtete den ganzen Saal mit seinen strahlenden Farben, so als wäre in diesem Augenblick ein herrlicher Garten erblüht. Kunstvoll eingewebte Granatäpfel und andere seltene Früchte aller Art strömten einen betäubenden Duft aus. Große Schmetterlinge flogen von Blüte zu Blüte, Vögel mit buntem Gefieder sangen in den Zweigen, und von den weißen Marmorspringbrunnen wehte eine erfrischende Kühle. Alle schrien vor Verwunderung auf und lobten die kunstfertigen Hände der Greisin über alle Maßen. Die böse Sulejma drängte sich in die erste Reihe vor und befahl: „Gib mir den Teppich, altes Weib! Ich will ihn haben! Ich will dich gut belohnen!“

Die Greisin schüttelte den Kopf: „Der ist nicht für dich Herrin. Der ist für den Stolz des erhabensten Königsgeschlechts, für den Prinzen Nasim bestimmt. Den bringe ich ihm!“

Der Prinz seufzte: „Das hast du gewebt, Mütterchen?“ – „Nein, Prinz. Ich habe eine Tochter, süß wie die Granatäpfel, die sie so kunstfertig gestickt hat und so sonnig wie der Garten, der jene umgibt. Ich bin alt. Meine Augen versagen schon. Wie könnte ich Arme mich einer solchen Arbeit rühmen?“ – Prinz Nasim rief:„Ich will deine Tochter sehen! Führe mich in dein Haus.“ Der Prinz umschlang die gebückte Schulter der Greisin und führte sie aus dem Sall des königlichen Palastes. Selbst die böse Sulejma trat zurück. Sie lief in den Garten und zertrat voller Zorn alle Blumen, die ihr in den Weg kamen.

Auf dem Weg durch die ganze Stadt stützte der Prinz die Greisin und voller Ungeduld trat er in ihre Hütte. Ein Mädchen in einem einfachen Leinenkleid kam ihnen entgegen. Ihr Haar war schwärzer als die Finsternis um Mitternacht und ihr Antlitz war so zart wie die Blätter der Rosen im königlichen Garten. Sie verbreitete den Duft eines frisch aufgeschnittenen Granatapfels, hatte kleine, zierliche Füße und Augen, die strahlender waren als glänzende Edelstein.

„Du bist meine Fee! Du bist meine Roschana!“, rief der Prinz und sank vor dem Mädchen auf die Knie. Das Mädchen lächelte. Dann brach sie das Schweigen und ihre Stimme klang heller als der Klang von Silberglöckchen: „Ich bin die Fee aus dem Granatapfel. Ich bin deine Roschana!“ Nachdem sie das gesagt hatte, verwandelte sich ihr einfaches Kleid in ein prächtiges Gewand, dessen Glanz die Stube wie der Schein von Tausenden von Kerzen erfüllte. „Steh auf mein Prinz und bedanke dich bei dieser überaus guten Greisin. Ihr war die Blüte, die du ihr geschenkt hast, lieber als das Geld, das ihren Hunger stillen sollte. Dadurch hat sie mich vom Zauber erlöst. Sie nahm mich als ihre Tochter an und forschte nie auch nur mit einem einzigen Wort nach meiner Vergangenheit. Das Geschenk, das für sie bestimmt war, brachte sie dir, weil sie sah, wie traurig und mutlos du warst. Das viele Lob und die Anerkennung im Königspalast verblendeten sie nicht, sie eignete sich fremde Arbeit nicht an. Sie hat dich zu mir geführt!“

Gemeinsam umarmten sie die Greisin und beide dankten ihr liebevoll. Dann erzählte Roschana: „Die böse Sulejma hat mich vom Baum herab gelockt und in den See geworfen, damit sie selbst deine Frau Prinzen werden konnte.“

Zorn erfasste Prinz Nasim. Doch er hatte nicht Zeit, lange zu zürnen. Die Untertanen seine Vaters hatten sich inzwischen um die Hütte der Greisin versammelt. Es waren auch adelige und vornehme Männer aus dem ganzen Königreich gekommen, um die wahre Braut des Prinzen zu begrüßen. Ein glänzender Zug bewegte sich zum Palast: An seiner Spitze saß Prinz Nasim mit seiner Fee aus dem Granatapfel auf einem weißen Pferd.

Lange, lange sah ihnen die gute Greisin nach und Freudentränen flossen über ihr Gesicht.

Prinz Nasim musste die böse Sulejma nicht mehr bestrafen. Als sie hörte, er kehre mit der wirklichen Roschana zurück, brach ihr böses Herz vor Hass.

Im Königspalast herrschten von nun an Glück und Zufriedenheit. Prinz Nasim freute sich, der nach dem Tod seines Vaters der geliebte König des Landes wurde. Die Untertanen freuten sich auch, denn es gab keine weisere, gütigere, schönere und freundlichere Königin als die Fee aus dem Granatapfel.

Afghanistan

Eliška Zachová: „Die Fee aus dem Granatapfel und andere afghanische Märchen“, Artia Verlag, Prag 1961

Fassung Bettina von Hanffstengel