Von den dreizehn Monaten

4. – 6. Dezember

4. Dezember

Von den dreizehn Monaten (Teil 1)

5. Dezember

Von den dreizehn Monaten (Teil 2)

6. Dezember

Von den dreizehn Monaten (Teil 3)

4. Dezember

Früher hat es immer dreizehn Monate gegeben. Erst der Moskauer Zar machte zwölf daraus, damit er den Soldaten weniger Sold zu zahlen brauchte.

Zu dieser Zeit lebte eine Mutter und die hatte zwei Töchter; die eine mit Namen Holena war ihre eigene, die ande­re, Maruschka, ihre Stieftochter. Maruschka musste alle Arbeit verrichten: die Stube auf­räumen, kochen, waschen, nähen, spinnen, weben, Gras holen und die Kuh allein besorgen. Holena drehte und putzte sich vor dem Spiegel und faulenzte den lieben, langen Tag. Aber Maruschka arbeitete gern, war ge­duldig, und ertrug das Schelten und das Fluchen von Schwester und Mutter wie ein Lamm. Allein dies half nichts. Sie trieben es immer schlimmer, denn Maruschka ward von Tag zu Tag schöner, Holena aber immer garstiger.

Die Mutter dachte: „Wozu sollt‘ ich die schöne Stieftochter im Haus dulden, wenn meine eigne Tochter nicht auch so schön ist? Die Burschen werden auf Brautschau kommen und Maruschka wird ihnen gefallen, Holena werden sie nicht haben wollen!“

Von diesem Augenblick an wollten die Stiefmutter und Holena die arme Maruschka loswerden. Sie quälten sie mit Hunger. Sie schlugen sie. Doch sie ertrug alles geduldig und ward dabei von Tag zu Tag schöner. Die Stiefmutter und Holena ersannen Qualen, wie sie braven Menschen gar nicht in den Sinn gekommen wären.

Eines Tages – es war in der Mitte des Eismonats – wollte Holena Veilchen haben: „Geh‘, Maruschka, bring‘ mir aus dem Wald einen Veilchenstrauß! Ich will ihn hinter den Gürtel stecken und an ihm riechen!“ – „Ach Gott, liebe Schwester, was fällt denn dir ein! Unter dem Schnee wachsen doch keine Veilchen!“ Holena aber drohte: „Du nichtsnut­ziges Ding, du Kröte, du widersprichst, wenn ich befehle? Gleich wirst du in den Wald gehen, und bringst du keine Veilchen, so schlag‘ ich dich tot!“

Die Stiefmutter fasste Maruschka, stieß sie zur Tür hinaus, und schloss diese hinter ihr.

Das Mädchen ging bitterlich weinend in den Wald. Der Schnee lag hoch, nir­gends war ein Fußstapfen. Die Arme irrte, irrte lange. Hunger plagte sie. Kälte schüttelte sie: „Ach bitte lieber Gott, ich bin so hungrig und halb erfroren, nimm mich lieber aus der Welt.“ Da sah sie in der Ferne ein Licht. Sie geht dem Glanz nach und kommt auf den Gipfel eines Berges. Auf dem Gipfel brannte ein großes Feuer. Um das Feuer lagen drei­zehn Steine und auf den Steinen saßen dreizehn Männer. Vier waren graubärtig, drei waren jünger, drei waren noch jünger, und die drei jüngsten waren die schönsten. Sie redeten nichts, sie blickten still in das Feuer. Die dreizehn Männer waren die dreizehn Monate.

Der Eismonat saß obenan; der hatte Haare und Bart weiß wie Schnee. In der Hand hielt er einen Stab. Maruschka erschrak, und blieb eine Weile verwundert stehen; dann aber fass­te sie Mut und trat näher und bat: „Liebe Leute, erlaubt mir, dass ich mich am Feuer wärme, die Käl­te schüttelt mich!” Der Eismonat nickte mit dem Kopf „Weshalb bist Du hergekommen, Mädchen? Was suchst Du hier?” – „Ich suche Veilchen.” – „Es ist nicht an der Zeit, Veil­chen zu suchen, wenn Schnee liegt.“ – „Das weiß ich wohl, aber meine Schwester Holena und die Stiefmutter haben mir befoh­len, Veilchen aus dem Wald zu bringen. Bring‘ ich sie nicht, so schlagen sie mich tot.”

Da erhob sich der Eismonat, schritt zu dem jüngsten Monat, gab ihm den Stab in die Hand: „Bruder März, setz‘ Dich obenan!” Der Monat März setzte sich obenan und schwang den Stab über dem Feuer. In dem Augenblick loderte das Feuer höher, der Schnee begann zu tauen, die Bäume trieben Knospen, unter den Buchen grünte Gras, in dem Gras keimten bun­te Blumen und es war Frühling. Unter Gesträuch verborgen blühten Veilchen, und eh‘ Ma­ruschka es sich versah, gab es so viele, als ob wer ein blaues Tuch ausgebreitet hätte. „Schnell, Maruschka, pflücke!”, gebot der März. Maruschka pflückte freudig, bis sie einen großen Strauß beisammen hatte. Dann dankte sie den Monaten und eilte froh nach Hau­se. Es wunderte sich Holena, es wunderte sich die Stiefmutter, als sie Maruschka sahen, wie sie einen Veilchenstrauß trug. Sie gingen, ihr die Tür zu öffnen, und der Duft der Veil­chen ergoss sich durch die ganze Hütte. „Wo hast Du sie gepflückt?”, fragte die Stiefmut­ter. „Hoch oben auf dem Berg, dort wuchsen sie in Mengen unter dem Gesträuch.”  Holena nahm die Veilchen, steckte sie hinter den Gürtel, roch an ihnen, und ließ die Mutter riechen. Zur Schwester sagte sie nicht einmal: „Riech auch!“

5. Dezember

Am anderen Tag saß Holena müßig beim Ofen und es gelüstete sie nach Erdbeeren. Holena befahl: „Geh‘, Maruschka, bring‘ mir Erdbeeren aus dem Wald.“ – „Ach Gott, liebe Schwester, wo werd‘ ich Erdbeeren finden! Unter dem Schnee wachsen keine Erdbee­ren!“ Holena drohte: „Du nichtsnutziges Ding, du Kröte, du widersprichst, wenn ich befehle? Gleich geh‘ in den Wald, und bringst du keine Erdbeeren, wahrlich, so schlag‘ ich dich tot!”

Die Stiefmutter fasste Maruschka, stieß sie zur Tür hinaus, und schloss diese hinter ihr. Das Mädchen ging bitterlich weinend in den Wald. Der Schnee lag hoch, nirgends war ein Fußstapfen. Die Arme irrte, irrte lange: Hunger plagte sie, Kälte schüttelte sie. Da gewahrt sie in der Ferne dasselbe Feuer, das sie den Tag zuvor gesehen. Voller Freude eil­te sie darauf zu. Sie kam wieder zu dem großen Feuer, um welches die dreizehn Monate saßen. Der Eismonat saß obenan. „Liebe Leute, erlaubt mir, dass ich mich am Feuer wär­me, die Kälte schüttelt mich.” Der Eismonat nickte mit dem Haupt: „Warum bist Du wieder gekommen, was suchst Du?” – „Ich suche Erdbeeren.” – „Es ist nicht an der Zeit, Erdbee­ren zu suchen, wenn Schnee liegt.” – „Das weiß ich wohl, aber meine Schwester Holena und die Stiefmutter haben mir be­fohlen, Erdbeeren zu bringen; bring‘ ich sie nicht, so schlagen sie mich tot.”

Der Eismonat erhob sich, schritt zum Monat, der ihm gegenüber saß und gab ihm den Stab in die Hand: „Bruder Juni, setz‘ Dich obenan!” Der schöne Monat Juni setzte sich obenan und schwang den Stab über dem Feuer. In dem Augenblick schlug die Flamme hoch empor, der Schnee schmolz, die Erde grünte, Bäume umhüllten sich mit Laub, Vögel begannen zu singen, mannigfaltige Blumen blühten und es war Sommer. Weiße Sternlein gab es, als ob sie wer dahin gesät hätte. Die weißen Sternlein verwandelten sich in Erdbeeren, die Erdbeeren reiften schnell, und eh‘ es sich Maruschka versah, gab es so viele in dem grü­nen Rasen, als ob wer Blut ausgegossen hätte. „Schnell, Maruschka, pflücke!”, gebot der Juni. Maruschka pflückte freudig, bis sie die Schürze voll hatte. Dann dankte sie den Mo­naten schön, und eilte froh nach Hause.

Da wunderte sich die Stiefmutter, als sie sah, dass Maruschka Erdbeeren brachte, die ganze Schürze voll. Sie lief, ihr die Tür zu öffnen, und der Duft der Erdbeeren ergoss sich durch die ganze Hütte. „Wo hast Du sie ge­pflückt?”, fragte die Stiefmutter. – „Hoch oben auf dem Berg, dort wachsen sie in Hülle und Fülle unter den Buchen.” Die Stiefmutter und Holena nahmen die Erdbeeren und aßen sich satt. Aber Maruschka boten sie keine einzige an.

Holena hatten die Erdbeeren geschmeckt, und es gelüstete sie am dritten Tag nach roten Äpfeln. Holena befahl: „Geh‘ in den Wald, Maruschka, und bring‘ mir rote Äpfel!“ – „Ach Gott, liebe Schwester, woher sollten im Winter Äpfel kommen?“ – „Du nichtsnutziges Ding, du Kröte, du widersprichst, wenn ich befehle? Holena drohte: „Gleich wirst Du in den Wald gehen, und bringst Du keine roten Äpfel, dann schlag‘ ich dich tot!” Die Stiefmutter fasste Maruschka, stieß sie zur Tür hinaus, und schloss diese hinter ihr.

Das Mädchen eilte bitterlich weinend in den Wald. Der Schnee lag hoch, nirgends war ein Fußstapfen. Allein das Mädchen irrte nicht umher, es ging geradewegs auf den Gipfel des Berges, wo das große Feuer brannte, an dem die dreizehn Monate saßen. Sie saßen dort, der Eismonat saß obenan. „Liebe Leute, erlaubt mir, dass ich mich am Feuer wärme, die Kälte schüttelt mich.” Maruschka trat zum Feuer. Der Eismonat nickte mit dem Kopf: „Weshalb bist du wieder gekommen, was suchst du?” – „Ich suche rote Äpfel.” – „Es ist nicht an der Zeit”, sagte der Eismonat. – „Das weiß ich wohl, allein meine Schwester Holena und die Stiefmutter haben mir befohlen, rote Äpfel aus dem Wald zu bringen; bring‘ ich sie nicht, so schlagen sie mich tot.”

Da erhob sich der Eismonat, schritt zu einem der älteren Monate, gab ihm den Stab in die Hand: „Bruder September, setz‘ Dich obenan!” Der Monat September setzte sich obenan und schwang den Stab über dem Feuer. Das Feuer glühte rot, der Schnee verlor sich, aber die Bäume umhüllten sich nicht mit Laub, ein Blatt nach dem andern fiel ab, und der kühle Wind verstreute sie auf dem gelben Rasen, eins dahin, das andere dorthin. Maruschka sah nicht so viele bunte Blu­men. Am Talhang blühte Altmannskraut, blühten rote Nelken, im Tal standen gelbliche Eschen, unter den Buchen wuchs hohes Farnkraut und dichtes Immergrün. Maruschka hielt nur nach roten Äpfeln Ausschau, und sie sah einen Apfelbaum und hoch auf ihm zwischen den Zweigen rote Äpfel. „Schnell, Maruschka, schüttle!”, gebot der September. Maruschka schüttelte freudig den Apfelbaum. Es fiel ein Apfel herab. Maruschka schüttel­te noch einmal. Es fiel ein zweiter Apfel herab. „Schnell, Maruschka, eile nach Hause!” Ma­ruschka gehorchte, nahm die zwei Äpfel, dankte den Monaten schön, und eilte froh nach Hause.

6. Dezember

Die Stiefmutter wunderte sich, als sie sah, dass Maruschka Äpfel brachte. Sie ging ihr öffnen. Maruschka gab ihr die zwei Äpfel. „Wo hast Du sie gepflückt?”, fragte die Stiefmutter. „Hoch oben auf dem Berg. Sie wachsen dort, und noch gibt’s dort genug von ihnen.” – „Wa­rum hast Du nicht mehr gebracht? Oder hast Du sie unterwegs gegessen?”- „Ach liebe Mutter, ich habe keinen Bissen gegessen. Ich schüttelte einmal, da fiel ein Apfel herab; ich schüttelte zum zweiten Mal, da fiel noch einer herab. Länger zu schütteln erlaubten sie mir nicht. Sie hießen mich nach Hause gehen.” – „Dass der Donner in Dich fahre!”, fluchte Holena, und wollte Maruschka schlagen. Maruschka brach in Tränen aus und floh in die Küche. Die genaschige Holena ließ das Fluchen und begann einen Apfel zu essen: „Hmm, der Apfel schmeckt gut! Noch nie in meinem Leben habe ich so etwas Köstliches gegessen!“ Auch die Stiefmutter ließ sich es schmecken. Sie aßen die Äpfel auf, und es ge­lüstete sie nach mehr. Da sagte Holena: „Mutter, gib mir meinen Pelz! Ich will selbst in den Wald gehen und Äpfel holen. Das nichtsnutzige Ding wird sie wieder unterwegs essen. Ich will schon den Ort finden, und sie alle herab schütteln, ob es wer erlaubt oder nicht!” Die Stiefmutter flehte: „Ach bitte liebe Tochter, bleib zu Hause! Der Schnee liegt hoch und draußen klirrt es vor Kälte!“ Aber Holena zog den Pelz an, nahm ein Tuch um den Kopf, und eilte in den Wald. Die Mutter stand auf der Schwelle, und sah Holena nach, wie sie durch den Schnee davonging.

Alles lag voll Schnee, nirgends war ein Fußstapfen zu sehen. Holena irrte, irrte lange. Ihre Lust auf die Äpfel trieb sie immer weiter. Da gewahrt sie in der Ferne ein Licht. Sie eilt dar­auf zu. Sie gelangt auf den Gipfel, wo das Feuer brennt, (K) um das auf dreizehn Steinen die dreizehn Monate sitzen. Holena erschrickt; doch bald fasst sie sich, tritt näher zum Feuer, und streckt die Hände aus, um sich zu wärmen. Sie fragt die Monate nicht: „Darf ich mich wärmen?” und spricht kein Wort zu ihnen. Der Eismonat fragt: „Was suchst Du hier, warum bist Du hergekommen!” – „Wozu fragst du, du alter Narr? Du brauchst nicht zu wissen, wohin ich gehe!” Holena wendet sich vom Feuer ab in den Wald. Der Eismonat runzelt die Stirn, und schwingt seinen Stab über dem Haupt. In dem Augenblick verfinstert sich der Himmel. Das Feuer flackert auf und droht zu erlöschen. Es fängt an zu schneien, so als ob wer ein Federbett ausschüttelte. Ein eisiger Wind weht durch den Wald. Holena sieht nicht einen Schritt vor sich. Sie irrt und irrt, √ und stürzt in eine Schneewehe. Ih­re Glieder ermatten und erstarren. Unaufhörlich fällt der Schnee, ein eisiger Wind weht. Holena verflucht die Schwester, sie flucht auf den lieben Gott. Ihre Glieder erfrieren in dem warmen Pelz.

Die Mutter wartete auf Holena, blickte zum Fenster hinaus, blickte zur Tür hinaus, aber die Tochter kam nicht wieder. Stunde auf Stunde verstrich, Holena kam nicht: „Vielleicht schmecken ihr die Äpfel so gut, dass sie sich nicht von ihnen trennen kann. Ich muss nach ihr sehen!” Sie zog ihren Pelz an, nahm ein Tuch um den Kopf und ging, Holena zu finden. Alles lag voll Schnee, nirgends war ein Fußstapfen zu sehen. Sie rief nach Holena; aber niemand meldete sich. Sie irrte, irrte lange.
Der Schnee fiel immer dichter, ein eisiger Wind wehte. Maruschka kochte das Essen, besorgte die Kuh, doch weder Holena, noch die Stiefmutter kamen. „Wo bleiben sie nur so lange!” Maruschka setzte sich ans Spinnrad. Schon war die Spindel voll, schon dämmerte es in der Stube, und es kamen weder Holena, noch die Stiefmutter. Maruschka dachte: „Ach Gott, was ist ihnen zugestoßen?” Das Mädchen sah zum Fenster hin­aus. Der Himmel strahlte vor Sternen, die Erde glänzte vor Schnee, es ließ sich niemand sehen. Traurig schloss Maruschka das Fenster, bekreuzigte sich und betete ein Vater­unser für Schwester und Mutter.

Am andern Tag wartete sie mit dem Frühstück, wartete sie mit dem Mittagsmahl – doch weder Holena noch die Stiefmutter kamen zurück. Beide waren im Wald erfroren. Der guten Maruschka blieb die Hütte, die Kuh und ein Stückchen Feld. Es fand sich auch ein Mann dazu, und beide lebten in Frieden glücklich miteinander.

Slowakei

Wenzig, Joseph: Westslawischer Märchenschatz, Lorck, Leipzig 1857

Erzählfassung Bettina von Hanffstengel