Wassilissa mit dem guten Herzen

14. Dezember

Wassilissa mit dem guten Herzen (Teil 1)

15. Dezember

Wassilissa mit dem guten Herzen (Teil 2)

14. Dezember

In einer Hütte am Rande des Waldes wohnten einst in Mann und seine Frau und die hat­ten drei Töchter: Marja, Dunja und Wassilissa. Die drei Mädchen waren alle schön, aber am schönsten war doch Wassilissa. Sie war nicht nur schöner als ihre Schwestern, sie war auch bescheiden und hatte ein gutes Herz. Die älteren dagegen waren hochmütig und stolz. Obwohl sie arm wie Kirchenmäuse waren, spazierten sie wie große Damen durchs Dorf, dreh­ten und putzten sich den lieben langen Tag vor dem Spiegel und rümpf­ten über Wassi­lissa, die den Eltern fleißig im Haushalt half, die Nase. Dennoch bevorzug­ten die El­tern die beiden älteren Töchter.

Da aber jedermann wusste, wie arm die Mädchen waren, wollte sich für sie kein Freier fin­den. Den Vornehmen und Reichen waren die Mädchen zu arm und den Armen waren sie zu stolz. Nur Wassilissa, die zu allen gut und freundlich war, hätte mancher Bursche trotz ihrer Armut gern genommen, aber sie wies alle ab: „Ich bringe es nicht übers Herz, meine Eltern zu verlassen.“ In Wirklichkeit aber hatten ihr die Eltern verboten, früher als ihre Schwestern zu heiraten.

Eines Tages sagte der Vater zu seinen Töchtern: „Geht hinaus in die Welt, eine arme Braut will keiner! Darum wird es das Beste sein, wenn ihr in die Stadt geht und euch ei­nen Dienst sucht. So könnt ihr euch eine Mitgift verdienen und vielleicht auch einen Bräutigam finden.“ Marja wandte sich an ihre Eltern: „Ich gehe zuerst, weil ich die Älteste bin.“ Da packte die Mutter ihr frisch gebackene Piroggen in ein Bündel und sie nahm Ab­schied.

Marja war noch nicht lange gegangen, als sie im Wald ein altes Mütterchen traf: „Ach, liebes Mädchen, schon drei Tage habe ich nichts mehr gegessen. Gib mir doch et­was von deiner Wegzehrung.“ – „Ich habe nur harte Brotrinden,“ erwiderte Marja schnippisch. „Daran wür­dest du dir nur die Zähne ausbeißen.“ – „Trockene Brotrinden sind besser als nichts,“ sagte das alte Mütterchen. Doch Marja ließ sie stehen und ging hochmütig davon.

Nach einer Weile bekam sie großen Appetit auf die Piroggen. Doch als sie ihr Bündel auf­schnürte, verschlug es ihr beinahe den Atem – sie fand wirklich nur trockene Brotrin­den! Die warf sie ärgerlich weg und setzte ihren Weg hungrig und ver­drossen fort.

Am Abend erreichte sie die Stadt. Als sie sich ratlos umschaute, sah sie plötzlich eine schwarze Frau, die ihr winkte, näherzutreten. Als Marja vor ihr stand, fragte sie: „Suchst du einen Dienst?“ – „Ei freilich.“ – „Dann komm mit mir, du wirst es nicht bereuen. Viel Ar­beit erwartet dich bei mir nicht und nach einem Jahr erhältst du tausend Goldstücke.“ – „Tausend Goldstücke!“, rief Marja erfreut. „Da hätte ich ja eine schöne Mitgift!“ – „Ja, die hättest du,“ sagte die schwarze Frau und kicherte sonderbar. „Aber du musst dich streng an mei­ne Ge­bo­te hal­ten, sonst könnte es dir schlecht ergehen.“ – Marja versprach: „Ich werde dir aufs Wort ge­horchen.“

Die schwarze Frau führte Marja in ein großes Haus am Rand der Stadt. Dort sagte sie: „Von heute an wirst du meinen Haushalt führen. In diesen zehn Kammern findest du alles, was du brauchst, aber hüte dich, die elfte und die zwölfte Kammer zu öffnen!“

Das Mädchen nickte, bereitete schnell das Abendessen und dann ging sie schlafen.

Marja konnte sich bei der schwarzen Frau wirklich nicht beklagen, denn diese verließ je­den Tag nach dem Frühstück das Haus und kehrte erst zum Abendbrot zurück. So konnte das Mädchen den ganzen Tag nach Belieben schalten und walten.

Eines Tages aber begann sie doch die Neugier zu plagen und sie fragte sich: „Was ist wohl in diesen geheimnisvollen Kammern verborgen?“ Sie brannte derart vor Neugier, dass sie nachts keinen Schlaf mehr fand.

Da schlich sie eines Morgens, kaum dass die schwarze Frau das Haus verlassen hatte, zu der elften Kammer und öffnete sie. Drinnen stand nur ein bedeckter Bottich. Marja hob den Deckel und steckte den Finger hinein. Als sie ihn wieder heraus zog, war er vergol­det. In dem Bottich war Goldwasser!

Erschrocken wusch sie sich die Hand, bürstete und schrubbte sie, aber das Gold ließ sich nicht abwaschen. Da band sie ein Tüchlein um den Finger.

Da kam die schwarze Frau nach Hause und fragte: „Was hast du an dem Finger?“ – „Ach nichts“, antwortete Marja. „Ich habe mich nur geschnitten.“ – „Zeig her!“, rief die schwarze Frau drohend. – „Ach nein“, wehrte Marja ab. „Es ist nicht der Rede wert.“

Aber die Frau riss ihr das Tüchlein ab und als sie den goldenen Finger sah, wusste sie dass Marja in der elften Kammer gewesen war. Die schwarze Frau lachte hämisch. „Du hast also nicht auf mich gehört! Nun ist es um dich geschehen!“ Sogleich packte sie das Mädchen und erwürgte sie. Dann warf sie den leblosen Körper in die zwölfte Kammer, wo schon viele tote Mädchen lagen.

Ein Jahr war vergangen, ohne dass die Eltern etwas von Marja gehört hatten. Da wandte sich Dunja an ihre Eltern: „Jetzt ziehe ich aus, um mir einen Dienst zu suchen. Vielleicht tref­fe ich meine Schwester in der Stadt.“ Die Eltern flehten: „Ach, geh nicht! Deine Schwe­ster ist nicht zurückgekehrt. So bleib du doch wenigstens bei uns.“

Aber Dunja ließ sich nicht umstimmen. Da packte die Mutter auch ihr goldgelbe Piroggen in ein Bündel und ließ sie schweren Herzens ziehen. Kaum war sie im Wald, begegnete ihr das alte Mütterchen und bat: „Ach, liebes Mädchen, schon drei Tage habe ich nichts mehr geges­sen. Gib mir doch etwas von deiner Wegzehrung.“

Aber Dunja war ebenso geizig wie ihre Schwester und wies das Mütterchen ebenso herz­los ab. Und so fand auch sie, als sie nach einem Weilchen Piroggen essen wollte, nur har­te Brot­rinden in ihrem Bündel.

Als sie am Abend hungrig und verdrossen in die Stadt gelangte und sich ratlos umschau­te, sah auch sie die schwarze Frau, die ihr zuwinkte: „Du suchst einen Dienst?“ – „Ei freilich!“ – „Dann komm mit mir, du wirst es nicht bereuen. Viel Arbeit erwartet dich nicht und nach ei­nem Jahr erhältst du tausend Goldstücke.“ Dunja freute sich: „Eine schöne Mitgift!“ – „Frei­lich, aber du musst alle meine Gebote befolgen, sonst wird es dir schlecht ergehen.“

Das versprach auch Dunja, und so führte sie die schwarze Frau in das große Haus am Rand der Stadt. Und alles kam genauso wie bei Marja.

15. Dezember

2. Teil

Als ein Jahr vergangen war und auch Dunja nichts von sich hören ließ, wandte sich Was­si­lissa an ihre Eltern: „Jetzt ziehe ich in die Welt. Ihr werdet schon sehen, dass ich nicht nur einen Dienst finde, sondern meine Schwestern obendrein.“

Die Eltern zuckten nur mit den Schultern. Bevor Wassilissa Abschied nahm, gab die Mut­ter ihr einen Kanten hartes Brot in ihr Bündel.

Kaum war sie im Wald, begegnete ihr das alte Mütterchen und bat: „Ach, liebes Mädchen, schon drei Tage habe ich nichts mehr gegessen. Gib mir doch etwas von deiner Wegzeh­rung.“ – „Gern, Mütterchen, aber ich habe nur hartes Brot. Wenn dir das reicht, so wollen wir uns setzen und essen.“

Aber, o Wunder! Als sie ihr Bündel öffnete, fand sie goldgelbe Piroggen darin!

Als sie gegessen hatten, sprach das Mütterchen: „Weil du ein gutes Herz hast, Wassilissa, will ich dir helfen. Darum höre: In der Stadt wird dich eine schwarze Frau in ihren Dienst nehmen. Sie ist eine sehr mächtige und böse Zauberin. Aber wenn du auf meinen Rat hörst, brauchst du keine Angst zu haben und alles wird ein gutes Ende nehmen. Dann wirst du auch deine Schwestern und die anderen armen Mädchen erlösen.“ Wassilissa hörte dem Mütterchen gut zu, nahm sich den Rat zu Herzen und versprach, ihn zu befolgen. Dann eilte sie in die Stadt. Dort wartete schon die schwarze Frau auf sie. „Du suchst ei­nen Dienst?“, fragte sie sogleich. „Ja, so ist es.“ – „Dann komm mit mir. Du wirst mir den Haushalt führen und nach einem Jahr tausend Goldstücke erhalten. In zehn Kammern findest du alles, was du brauchst, aber hüte dich, die elfte und die zwölfte Kammer zu öffnen.“

Wassilissa ging mit der schwarzen Frau in das große Haus am Rand der Stadt.

Kaum hatte die schwarze Frau am anderen Tag das Haus verlassen, schloss Wassilissa die Tür zur zwölften Kammer auf, wo ihre beiden Schwestern und auch die anderen ar­men Mäd­chen lagen. In einer Ecke aber standen zwei große Flaschen. In einer war das Wasser des Le­bens und in der anderen das Wasser des Todes. Wassilissa besprengte die Mädchen mit dem Wasser des Todes – da heilten die Wunden. Dann besprengte sie die Mädchen mit dem Was­ser des Lebens – da wurden die Mädchen wieder lebendig. Die Mäd­chen jubelten vor Freude. Sie umarmten die gute Wassilissa und auch ihre beiden stolzen Schwestern dankten beschämt für ihre Erlösung und sagten hinfort kein abfälli­ges Wort mehr für sie.

Wassilissa wandte sich an sie: „Sputet euch, liebe Mädchen, nehmt Krüge und Töpfe und füllt sie schnell mit dem Goldwasser. Dann macht euch auf den Weg, denn hinter dem Stadt­tor endet die Macht der schwarzen Frau.“ – „Warum kommst du nicht mit, Schwe­sterchen?“, fragten Marja und Dunja voller Angst. „Macht euch keine Sorgen. Ich habe noch etwas zu erledigen.“

Dann versteckte Wassilissa die Flasche mit dem Wasser des Todes unter dem Tisch und war­tete auf die schwarze Frau.

Sie kam früher als gewöhnlich, als ob sie gewusst hätte, dass etwas geschehen war. Sie sah Wassilissa untätig am Tisch sitzen und schimpfte: „Was sitzt du hier herum und legst die Hände in den Schoß?“ – „Warum nicht, ich habe doch schon genug getan. Oder ist es eine Kleinigkeit, dass ich die Mädchen, die Ihr ums Leben gebracht habt, wieder le­bendig gemacht habe?“

Die schwarze Frau schrie gellend auf und stürzte in die zwölfte Kammer – aber die war leer.

„Was hast du angestellt?“, schrie die schwarze Frau. Sie kochte vor Wut und wollte sich auf Was­silissa stürzen. Aber Wassilissa war schneller und besprengte die schwarze Frau mit dem Wasser des Todes. Da war es um die böse Zauberin geschehen.

Kaum hatte Wassilissa das vollbracht, nahm sie eine Nudelrolle, tauchte sie in das Gold­was­ser und wickelte sie in ein Tuch. Dann aber schüttete sie den Bottich mit dem Gold­wasser aus dem Fenster auf die Straße hinab, nahm die beiden Flaschen mit dem Wasser des Lebens und dem Wasser des Todes und eilte fort.

Als sie aber auf die Straße trat, waren dort viele Menschen, die die golden glänzenden Steine heraus brachen, den goldenen Putz von dem Haus abkratzten und auch den gol­denen Sand, in den sich der Kehricht verwandelt hatte, auffegten. ‚Sollen sie auch etwas haben‘, dachte Wassilissa lächelnd und ging zufrieden davon. Kaum aber war sie wieder in jenem Wald, sah sie das gute Mütterchen auf sie zukommen.

„Sicher hast du Hunger, liebes Mütterchen. Aber ich habe nicht einmal einen Kanten Brot.“ „Ich habe keinen Hunger,“ antwortete das Mütterchen und lächelte. „Ich wollte nur wissen, wie alles verlaufen ist.“ Da erzählte Wassilissa dem Mütterchen, wie sie die armen Mädchen erlöst hatte und dass es um die schwarze Frau geschehen war.

Das Mütterchen lächelte zufrieden und sprach: „Sie bekam, was sie verdiente. Sie war eine böse und mächtige Zauberin und hat den Tod hundertmal verdient.“ – „Und du bist keine Zauberin, Mütterchen?“, entgegnete Wassilissa und zwinkerte dabei verschmitzt. „Es versteht sich, dass ich auch eine bin, aber ich helfe jedem, der mich darum bittet. Nun aber sag“, fuhr das Mütterchen fort, „was hast du dir aus dem Haus der Zauberin mitgebracht?“ Als das Müt­terchen die vergoldete Nudelrolle sah, staunte sie: „Du bist aber wirklich bescheiden, liebes Kind.“ – „Aber dir habe ich auch etwas mitgebracht“, sagte Wassilissa und reich­te dem Müt­terchen die beiden Flaschen mit dem Wasser des Lebens und des Todes. „Vielleicht helfen sie dir bei deinen Zaubereien.“ – „Ich danke dir Wassilissa“, entgegnete das Mütterchen. „Da wir uns nun nie mehr wiedersehen, sei Gott mit dir!“ – „Hab auch du Dank!“, rief Wassilissa. Aber das Mütterchen war verschwunden, als hätte sich die Erde aufgetan. Da setzte Was­silissa ihren Weg fort.

Als die Schwestern und die Eltern Wassilissa von weitem erblickten, liefen sie ihr tief be­wegt entgegen, hießen sie willkommen, umarmten sie innig und küssten sie. Von da an lebten alle zufrieden und glücklich bis an ihr fernes Ende.

Weißrussland
Michela Tvrdiková: „Von weisen und törichten Frauen“, Artia Verlag, Prag, 1986