Der Samowar und russische Teekultur

Auf unserer Märchen-Tee-Reise sind wir nun in Russland angekommen. Wie kam es dazu, dass der Zar Michail Fjodorowitsch der erste Teetrinker Russlands war?

Dieser Zar schätzte den mongolischen Kahn Altyn sehr und ließ ihm im Jahr 1638 wert­volle Zobelfelle bringen. Der Khan gab den Boten ein Gegengeschenk mit und zwar… getrocknete Blätter und davon gleich 4 Pud, das sind immerhin 65 Kilo!

Alle Leute am Hof des Zaren waren ratlos und dachten: „Was soll der Zar mit getrockneten Blättern anfangen? So etwas kann doch nur ein unzivilisierter Barbar verschenken!“ Glücklicherweise erfuhr der Khan da­von und schickte einen Koch nach Moskau. Der wuss­te, was es mit den getrockneten Blät­tern auf sich hatte, die nichts anderes waren als feinster chinesischer Tee. Der Koch be­reitete dem Zaren Michail Fjodorowitsch die erste Schale Tee zu, die jemals in Russland getrunken wurde. Der Zar trank und sprach dann die Worte, die in die russische Teege­schichte eingingen: „Das Getränk war sehr bekömmlich und wenn man sich daran gewöhnt hat, ist es sehr schmackhaft.”

Und der Zar gewöhnte sich tatsächlich daran. Ja, der Tee schmeckte ihm sogar ausgespro­chen gut. Naja, und was dem Zaren schmeckt, das wollten auch die russischen Adligen, die Bojaren gern probieren. Und auch sie gewöhnten sich ans Tee trinken. Aber es dauer­te noch fast 100 Jahre, nämlich bis in die 70er Jahre des 18. Jhds., bis sich das Teetrin­ken in Russland einbür­gerte und eine eigene russische Teekultur entstand.

Aber nur Adlige konnten es sich leisten, Tee zu trinken. Das lag sicherlich auch daran, dass Tee sehr teuer war, weil er über das Uralgebirge aus China mit Karawanen heran geschafft werden musste. Den Namen für diesen Tee, nämlich Karawanentee, kennen Teetrinker*innen noch heute.

Die Teestraße verlief von Peking aus durch die Wüste Gobi und Sibirien bis an den Baikal­see und die Wolga. Sie war 11.000 km lang und die Reise dauerte fast 1,5 Jahre. Trotz­dem war der Teehandel ein lukratives Geschäft. Der Umschlag­platz für den Teeimport war Moskau.

Aber weshalb wurde der Samowar, der russische Selbstkocher erfunden?

Die Teehändler wollten auf ihrem weiten Weg ihren Tee möglichst heiß und frisch trin­ken, auch bei strengem Frost. Das Gerät dafür musste erst noch erfunden werden. In dem Ort Suksun, das an der Teestraße im fernen Uralgebirge liegt, erfanden die Arbeiter der Manu­faktur Demidow im Jahr 1730 den Samowar.

Der Samowar ist ein wunderbares Gerät: Er besteht aus einem großen Behälter mit ei­nem Auslaufhahn, in dem das Wasser schön heiß bleibt und einer Teekanne für den Tee­sud. Jeder kann sich seinen Tee so zubereiten, wie er ihn gerne mag, also als helle oder dunkle Tasse. In der hellen Tasse ist weniger Teesud enthalten als in der dunklen.

Damals wurden die Samoware mit Holzkohle beheizt, inzwischen gibt es natürlich auch Elektro-Samoware.

Die bekanntesten Samoware kommen bis heute aus Tula, wo die geschicktesten Schmie­de Russlands lebten. Ein Schmied soll dort sogar einmal einem Spielzeugfloh Hufeisen verpasst ha­ben. Bis heute gibt es das Sprichwort: „Wer reist schon mit einem Samowar nach Tula.“

Samoware gibt es in vielen Formen und Größen. Sie stehen im Mittelpunkt der russischen Teekultur.

Die Russen hatten großen Teedurst. Deshalb züchteten sie ertragreiche und widerstandsfä­hi­ge Teesorten, die seit 1884 an den Südhängen des Kaukasus in Grusinien (das ist der alte Name für Georgien) angebaut werden und die auch strengeren Frost ver­tragen. So wurde der Tee zum Volksgetränk.

Auch die „kleinen Leute”, ganz besonders in Moskau, tranken Tee. Feiertags brachen sie auf in die Vororte. Die Frauen trugen den Samowar, die Männer die Kohlen, die Kinder die Tassen und Speisen. Irgendwo auf einer Wiese, im Schatten einer Birke, breiteten sie ihre Habseligkeiten aus, besorgten sich Wasser, heizten den Samowar an und warteten auf Besucher. Jeder Samowarbesitzer wollte Gäste anzulocken, die er dann mit Tee, Zucker und Ge­schichten bewirtete, um damit hin und wieder ein paar Kopeken zu verdienen.

So, nun sind wir am Ende unserer Märchen-Tee-Reise angekommen und ich habe mein Bestes gegeben, um Dich auf den Samowartee neugierig zu ma­chen.

Wer weiß, vielleicht lädst du mich einmal ein, wenn so etwas wieder möglich ist. Ich bringe meinen Samowar mit und erzähle Dir und Deinen Gästen bei einer Tasse Tee oder zwei oder drei… Märchen aus Russland und von überall dort, wo man gerne Tee trinkt.

Prolog

Am Meeresstrand an stiller Stätte
steht eine Eiche knorrig, krumm;
Ein Kater streicht an goldner Kette
Beständig um den Baum herum.
Er geht nach rechts – erzählt ein Märchen,
Nach links – und singt ein altes Lied.
Dort haust der Schrat, ein Elfenpärchen
Auf einem Halm im nahen Ried.
Noch nie betretne Wege führen
In ein noch unbekanntes Land;
Ein Häuschen steht mit offnen Türen
Auf Hühnerfüßen dort im Sand.
Das Meer, der Wald, die Fluren stecken
Voll Wunderdinge. Reihenweis
Betreten dreißig stolze Recken
Zusammen mit Neptun, dem Greis,
Den Strand beim Strahl der Morgensonne.
Ein Königssohn – des Vaters Wonne –
Erfreut durch Anmut und Verstand.
Ein Zauberer in einer Wolke
Trägt einen Ritter über Land
Und Meer dort vor allem Volke.
Im Kerker weint ein Kaiserkind,
Ein brauner Wolf bewacht die Holde;
Koschtschej sitzt dort auf seinem Golde.
Und Russlands Seele weht im Wind.
In jenem sagenhaften Reiche
Genoss ich einmal Met und Bier;
Der Kater auf der grünen Eiche
Erzählte seine Märchen mir …

Alexander Sergejewitsch Puschkin (1799 – 1837)
aus: „Ruslan und Ludmila“

Tee nach russischer Art

Du kannst deinen schwarzen Tee auch ohne Samowar auf russische Art trinken, nämlich einfach mit Zucker oder Zitrone, aber auch mit Warenje, nämlich Marmelade. In Russland sehr beliebt ist Himbeermarmelade. Jede andere Marmeladensorte passt auch zum Tee.

Ich wünsche Dir viel Spaß beim Ausprobieren und Genießen!