Mein märchenhaftes Leben

Mein märchenhaftes Leben – vom Lesezeichen zur Märchenerzählerin

Ich wurde an einem Sonntag im Mai nicht geboren, sondern fiel als Lesezeichen aus einem Buch. Man sagt es sei ein Lexikon gewesen. Aber so genau weiß das heute keiner mehr, denn es ist schon viele Jahre her.

Und so ein Lesezeichen fühlt sich ohne Buch nicht wohl, wie ihr euch denken könnt. So habe ich im Laufe der Jahre in vielen Büchern gelegen und damit der Abschied nicht so schwer fiel, von den schönsten und wichtigsten etwas mitgenommen:

Eine der frühesten Geschichten, an die ich mich erinnern kann ist „Das bucklicht Männlein” von Achim von Arnim.

Diese beginnt mit den schicksalshaften Worten: „Will ich in mein Gärtlein gehen, will mein Zwiebeln gießen – Steht ein bucklicht Männlein da, fängt als an zu niesen!“

Alle Menschen, die mich kennen, wissen um meine Leidenschaft für Zwiebeln, roh, gebraten, gekocht, in pikanter Marmelade… Als ich im Mädchen-Café-Treff arbeitete, gaben mir die Mädchen sogar den Spitznamen „Zwiebelchen“.

Ich erinnere mich noch gut an die Geschichte von dem Häslein, das Schutz und Geborgenheit in einer Schneehöhle fand, die ein Junge gebaut hatte. Von da an faszinierten mich Häuser aus Schnee und ich glaubte fest, dass man nirgendwo sicherer und geborgener sein kann als in einem Iglu.

Heute erzähle ich Märchen und Geschichten, der Menschen, die am Nordrand der Welt leben: der Inuit, der Tschuktschen, der Mari und der Ewenken.

Die Geschichte vom Murmel, dem Murmeltier von Gina Ruck-Pauquet und der Glaube, dass Tiere in der Weihnachtsnacht sprechen können, ließ mich hoffen, dass ich auch einmal die Sprache der Tiere verstehen lernen könnte.

Auch das Lesen habe ich mit einem bestimmten Buch gelernt, denn so gerne ich in Büchern herum lag, so ungern lernte ich das Lesen. Bis zu dem Tag, an dem meine Tante Helena mich zum Lesen verführte, mit dem Buch „Bi-Ba-Bäcker“ von Lene Hille-Brandts und Doris Dumler. Da verwandelte sich das Lesezeichen in einen Bücherwurm, der von Büchern niemals genug bekommen kann.

Wie gut kann ich die Trauer von Astrid Lindgren verstehen, die in ihren letzten Lebensjahren nur noch ganz mühsam lesen konnte, weil ihre Augen so schlecht wurden.

Wer einmal ein Buch von Josef Guggenmos in die Hand genommen hat, wird niemals wieder aufhören, an der Sprache basteln zu wollen oder sich ungewöhnliche Geschichten auszudenken. Meines war: „Was denkt die Maus am Donnerstag?“ Aber es gibt auch „Sonne, Mond und Luftballon“ und viele andere schöne Gedichte.

Als Kind versuchte ich Pippi Langstrumpf nach zu eifern. Ich wollte so stark sein wie sie und übte mich darin, Menschen herum zu tragen. Auf einer Schulter hatte ich meine Schwester und auf der anderen eine Freundin. Auch versäumte ich es als Kind nie in hohlen Baumstümpfen nach wunderbaren Dingen Ausschau zu halten oder auch nach ungewöhnlichen Wörtern. Noch heute liebe ich bestimmte Wörter, wie „daselbst“ oder „gipsy“. Sogar den Spunk habe ich wieder gefunden. Ich weiß jetzt, was ein Spunk ist: Es ist eine dänische Süßigkeit, ähnlich wie Lakritz!

Eine Sachensucherin bin ich geblieben und habe wunderschöne Dinge gefunden, wenn auch nicht immer in hohlen Bäumen.

Und wenn ich nicht schon immer Märchen geliebt hätte, dann hätte Astrid Lindgren sie mich lieben gelehrt. Nicht nur, dass viele ihrer Geschichten einfach märchenhaft sind, sie selbst Märchen erdachte, nein, auch in ihren Büchern kommen immer wieder Märchen liebende Kinder und Märchenbücher vor. Sie schrieb so begeistert von den Märchen aus 1001 Nacht, dass ich sie selbst lesen wollte.

Von da ist es ein kurzer Schritt zu den Märchen an den Nachtfeuern der Karawanserail, erzählt und teilweise auch erdacht von Elsa-Sophia von Kamphoevener.

Meine erste Autorinnenlesung ist bis heute unvergessen . Es war „Mrs. Beestons Tierklinik“ mit Renee Nebehay, deren unverwechselbarer englischer Akzent mir bis heute im Gedächtnis blieb! Damals dachte ich sicher nicht daran, Märchenerzählerin zu werden, aber es weitete doch den Blick ungemein für die Möglichkeiten, die es gab, Geschichten zu erzählen.

Otfried Preussler ist mir nicht nur als Autor wichtig, sondern auch als Geschichtenerzähler auf der Platte: „Bei und Schilda“ als Stadtschreiber Jeremias Punktum. Da zeigte er, dass er nicht nur schöne Geschichten schreiben, sondern auch sehr gut vortragen konnte.

Michael Ende lehrte in seinen wunderbaren, fantasievollen Geschichten, dass darin Werte weiter gegeben werden. Er spielte mit der Symbolsprache Europas und Asiens wie kein anderer, indem er dem bedrohlichen Drachen des Westens „Frau Malzahn“ erlaubt, sich in China in den „Goldenen Drachen der Weisheit“ Asiens zu verwandeln.

Unvergessenen sind auch die Bücher, die mich wie auf einem fliegenden Teppich weit weg in ferne Länder entführten, mein Fernweh entzündeten und auflodern ließen und mich heute dazu antreiben, Märchen aus aller Welt erzählen zu wollen:
Da waren die Bücher von Fritz Mühlenweg: „Großer Tiger und Kompass-Berg“ und „Null Uhr fünf in Urumtschi“, die die Abenteuer eines chinesischen und eines deutschen Jungen in der Mongolei schildern. Sie weckten in mir eine unstillbare Sehnsucht nach diesem Land, den Traum, einmal dorthin zu reisen und das Land zu Pferd zu erkunden.

Viele AutorInnen prägten meine Vorstellung davon, wie Indianer sind und wie sie leben: Wäscha-kwonnesin, auf deutsch Grau-Eule (Sajo und ihre Biber) aus Kanada, Sat Okh (Das Land der Salzfelsen), Anna Jürgens (Blauvogel), Anna Müller-Tannewitz (Marys neue Schwestern):
Sie leben nah der Natur, sind naturverbunden, tierliebend und haben einen Sinn für Gemeinschaft. Die Tiere sind ihre älteren Brüder, denen sie Achtung erweisen. Aber ihre Lebensweise ist bedroht durch die europäischen Eroberer.

Das Gedicht „Fingerhütchen“ von Conrad Ferdinand Meyer, das mir meine Tante Eva vorlas oder erzählte, nahm ich als Geschichte wahr und noch über dreißig Jahre später blieb mir die magische Zeile „Silberfähre gleitest leise, ohne Ruder, ohne Gleise.“ im Gedächtnis, auch wenn ich die Geschichte dazu längst vergessen hatte. Die Vorstellung von dem Schiff der Elfen, das lautlos über das Wasser gleitet, verzauberte mich.

Immer wieder finde ich Märchen, die beschreiben, dass ein buckliger Musikant die Musik der Elfen bereichert und von ihnen zum Lohn von seinem Buckel befreit wird, genauso, wie es das Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer so schön beschreibt.

Die wunderbaren Kinderbücher der norwegischen Autorin Gert Eva Lillo „Großmutter Sophias wundersame Katzen“ und „Auf der Suche nach der weißen Katze“ ließen den Schatten einer magischen Welt hinter dem Alltag ahnen.

Ganz besonders faszinierend sind die Bücher, die sich mit der Beziehung zwischen dem Buch und den Lesenden befassen, wie „Wenn ein Reisender in einer Winternacht” von Italo Calvino, „Der Schatten des Windes” von Carlos Ruíz und die Tintenwelt-Triologie von Cornelia Funke.

Und so könnte ich hier noch endlos über wunderbare Geschichten und Bücher erzählen, die mein Leben bereichert und mich zu der gemacht haben, die ich bin, eine Erzählerin von Märchen und Geschichten, selbst beschenkt und verzaubert von AutorInnen und ErzählerInnen aus aller Welt.

Ihre märchenhafte Bettina von Hanffstengel.