Russischer Winter

24. Dezember

Russischer Winter

24. Dezember

Weit entfernt von hier in den weiten Wäldern Russlands lebte einst die Witwe Varenka. Tief versteckt zwischen den Bäumen stand ihr kleines Haus, und sie lebte ganz allein darin. Nur selten verirrte sich ein Mensch dorthin. Varenka war nicht reich, aber sie hatte alles, was sie zum Leben brauchte. In ihrer Hütte standen ein Tisch und Stühle, Kästen für Brot, Kä­se und Geschirr. An der Wand hing eine Ikone, und Varenka sorgte stets für frische Wald­blumen. Nachts schlief sie auf dem warmen Ofen, wie es viele einfache Leute damals ta­ten. Es war ein ruhiges und zufriedenes Leben.

Eines Tages kamen Leute aus dem nahe gelegenen Dorf vorbei: „Varenka! Im Westen wü­tet ein schrecklicher Krieg. Jeden Tag kommen die Soldaten näher. Wir fliehen. Komm mit uns!“ Varenka antwortete: „Nein, ich kann nicht mit euch kommen. Wer wird die müden Wanderer stärken? Wer wird sich der Kinder annehmen, die sich im Wald verir­ren? Wer füttert die Tiere und Vögel, wenn der Winter mit Schnee und Eis kommt? Ich muss bleiben. Aber Gott sei mit euch, er möge euch beschützen!“

Die Menschen eilten weiter und Varenka blieb zurück. Sie lauschte. Aus der Ferne war das Donnern der Kanonen zu hören. Seufzend ging sie in ihre Hütte und ver­riegelte die Tür. Dann kniete sie vor der Ikone nieder und betete: „Bitte, lieber Gott, baue ei­ne Mauer um mein Haus, damit die Soldaten mich nicht sehen können!“

Am Abend verstummte der Kanonendonner und die Dämmerung senkte sich friedlich über den Wald. Die Vögel steckten ihre Köpfe unter die Flügel. Tauben gurrten, Nachti­gallen sangen.

Der Morgen kam und Varenka ging in den Wald um Reisig zu sammeln. In der Ferne hörte sie das Donnern der Kanonen. Sie dachte: „Ach, was wird nur aus mir und meinem Haus?“

Am Abend kehrte sie mit großen Reisigbündeln zum Haus zurück. Kaum war sie da­heim, klopfte es auch schon an ihre Tür. Sie öffnete und vor ihr stand der alte Ziegenhirt. „Varenka, meine Hütte ist niedergebrannt. Die Soldaten haben mir alles genommen. Das einzige was mir geblieben ist, ist diese kleine Ziege und meine Balaleika. Ich weiß nicht wohin. Bald kommt die Nacht und die Wölfe werden uns fressen.“

„Komm nur herein.“ Varenka richtete ihm einen Platz am Herd und kochte eine heiße Suppe. Dann kniete sie vor der Ikone nieder und betete: „Bitte, lieber Gott, baue eine Mauer um mein kleines Haus, damit die Soldaten es nicht sehen und vorbeigehen!“

Die Nacht kam. Die Kanonen verstummten. Die Blumen schlossen ihre Blüten. Die Tiere verkrochen sich in ihre Höhlen.

Am nächsten Morgen ging Varenka in den Wald, um Pilze und Kräuter zu sammeln. Da entdeckte sie in einem hohlen Baumstamm einen jungen Mann, der dort lag und schlief. „Wach auf! Hier kannst du nicht bleiben. Hörst du nicht das Donnern der Kanonen? Sie kommen immer näher.“ „Ja“, antwortete der Mann, „ich komme von dort her, wo die Kanonen donnern. Alles ist zerstört. Ganze Dörfer sind verbrannt. Ich konnte als einziger fliehen.“ Er zeigte auf einen Topf mit einer weißen Blume und sagte: „Ich bin Maler, und das ist alles, was mir geblieben ist.“ – „Komm mit mir. Du kannst etwas essen und ausruhen.“

Am Abend saßen der Maler, der Ziegenhirt und Varenka beieinander. Varenka betete: „Ich wollte, Gott würde eine Mauer um mein Haus bauen, damit die Soldaten uns nicht finden!“

Nachts herrschte Stille im Wald. Nur der Ruf der Eule und das Heulen der Wölfe war zu hören.

Der Morgen kam. Varenka schob viel Holz in den Ofen um Brot und Kuchen zu backen. Während sie den Teig knetete, hörte sie plötzlich von draußen ein leises Weinen. Sie blickte aus dem Fenster. Da sah sie ein kleines Mädchen, das eine Taube im Arm hielt und bitterlich weinte. Varenka fragte: „Wer bist du denn? Was machst du hier im Wald? Hörst du nicht das Donnern der Kanonen? Du solltest bei deinen Eltern sein.“ Das Mädchen antwortete traurig: „Ach, ich habe meine Eltern auf der Flucht verloren und bin ganz allein.“ – „Komm herein, Kind. Wir sind jetzt deine Fami­lie. Du kannst hier bleiben, bis dich deine Eltern wieder finden.“ So kam das kleine Mädchen in Varen­kas Haus, bekam Brot, Kuchen und Tee und die Taube pickte zufrieden die Brotkru­men auf.

Den ganzen Tag über hörten die Freunde das Donnern der Kanonen und in ihren Herzen breitete sich Angst aus. Da nahm der Ziegenhirt seine Balaleika und begann zu spielen, und die anderen sangen dazu ihre russischen Weisen. So neigte sich der Tag. Der Mond ging auf und die Musik brachte Ruhe in ihre Herzen.

In der Nacht beteten sie: „Lieber Gott, baue eine Mauer um das Haus, die so hoch ist, dass kein Soldat es sieht.“ Aber Varenka dachte verzweifelt: ‚Ach, ich fürchte es ist zu spät, morgen werden die Soldaten hier sein, und wir sind verloren.’

In dieser Nacht war es sehr still. Und doch: in der stillsten Stunde der Nacht war ein leiser Ton um Varenkas Haus. Varenka stand auf und öffnete vorsichtig die Tür. Da sah sie, dass dich­ter Schnee gefallen war. Er war bereits so hoch, dass er bis zum Fenstersims reichte. Varenka schloss die Tür. Sie fiel auf die Knie und dankte Gott. Es schneite die ganze lange Nacht. Bis zum Morgengrauen war das kleine Haus ganz un­ter dem Schnee versteckt.

Mittags hörten sie die Soldaten kommen. Laut lärmend zogen sie durch den Wald und ka­men immer näher. Die Freunde saßen beieinander und lauschten angstvoll. Aber die Soldaten zogen vorüber. Sie hatten das kleine Haus nicht gesehen, das tief ver­steckt im Schnee stand.

Die Freunde waren gerettet und atmeten erleichtert auf. Gott sei Dank!

Ja, was gibt es noch zu erzählen? Der Krieg ging vorüber. Der Schnee schmolz und die Freunde traten vor das kleine Haus. Die Taube flatterte fröhlich von Baum zu Baum. Die Ziege machte übermütige Sprünge. Der Maler pflanzte seine Blume vor Va­ren­kas Haus. Das kleine Mädchen fand ihre Eltern wieder und ging mit ihnen zurück in ihr Dorf. Der Frühling kam. Der Maler malte wunderschöne Bilder, damit die Geschich­te wei­ter erzählt werden konnte. Und irgendjemand muss sie ja weitererzählt haben, denn sonst hätte ich sie euch nicht erzählen können.

Von Christiane Raeder neu erzählt nach einer alten russischen Legende

Version Bettina von Hanffstengel