EINLEITUNG
Ich habe im Lauf meines Lebens viele Lieblingsmärchen gehabt, je nach Lebensphase. Manche Märchen waren wie ein Licht in dunklen Zeiten, andere Märchen bringen mich regelmäßig zum Lachen, auch wenn ich sie noch so oft höre oder lese. Manche Märchen waren ein harter Brocken und nicht leicht zu erarbeiten, weil sie mir so nahe gegangen sind.
Märchen gehörten seit meiner Kindheit zu meinem Leben. Ich gehöre zu den Glücklichen, denen in ihrer Kindheit vorgelesen wurde. Wie habe ich das genossen, auch als ich selbst gerne und viel gelesen habe!
In unserer Familie war mein Vater der Vorleser und deshalb hat er mir und meiner Schwester ganz sicher auch die Märchen vorgelesen, vorzugsweise am Sonntagmorgen im Bett vor dem Frühstück.
Manchmal gleicht mein Leben einer Reise von Lieblingsmärchen zu Lieblingsmärchen.
Die Lieblingsmärchen meiner Kindheit
Als Kind habe ich „Dornröschen“ geliebt.
Mir gefiel das Märchen von dem kleinen Mädchen, das so wunderbar ist, dass es von allen geliebt wird, aber ganz besonders von seinem Vater.
Wir hatten am Zaun zur Straße eine Hecke aus roten Rosen. Dornröschens Rosen waren in meiner Vorstellung rosa. Dennoch fühlte ich mich wie Dornröschen hinter dieser Hecke. Als ich acht Jahre alt war, ging ich beim Fasching als Dornröschen in die Schule. Ich trug ein rosafarbenes Prinzessinnenkleid, das meine Tante, die Schneidermeisterin für mich nach Maß genäht hatte. Auf dem Kopf hatte ich eine goldene Krone in die rosafarbene Röschen aus Plastik gewunden waren. Ich war mir sicher, dass mich jeder sofort als Dornröschen erkennen würde. Eine Klassenkameradin trug ein Dornröschenkleid, das mir noch heute in Erinnerung ist: Es hatte einen dunklen Untergrund. Darauf waren rautenförmige Spitzen. In der Mitte jeder Raute war ein Sträußchen weißer Rosen. Für meine Klassenlehrerin war sie klar als Dornröschen erkennbar. Mich fragte sie: „Und wer bist du?“ – „Dornröschen!“ Als Kind war ich sehr enttäuscht, dass sie das nicht gemerkt hatte. Als Erwachsene bin ich sehr berührt und dankabr, dass mir meine Tante ein maßgeschneidertes Kleid zum Fasching geschenkt hat, ganz wie es einer Prinzessin gebührt.
Wie könnte ich als Märchenerzählerin in einem Online-Meeting einfacher erkennbar sein als mit diesem Hintergrund?
Auf meinem Balkon steht ein Rosa Zwerg.
Märchen als Erwachsene
Viele Jahre später, im Erwachsenenalter, änderte sich das. Mein Lieblingsmärchen mit Anfang 40 war „Frau Holle“, aber ich identifizierte mich nicht mit der Fleißigen, sondern mit der Faulen. Ich sah sie schon damals nicht als bösartig an, denn das kommt im Märchen der Brüder Grimm nicht vor, sondern als ein Mädchen, das von seiner Mutter nicht auf die Welt und das Leben vorbereitet wird. Bei der ersten Bewährungsprobe scheitert sie und muss mit Schimpf und Schande bedeckt nach Hause zurückkehren.
In meinen 30ern habe ich das orientalische Märchen „Ein gutes Vorbild“geliebt, weil die Heldin des Märchens die herrschende Moral einfach umdreht. Ihr Vater, der Mullah, sagt seiner schönen Tochter ganz genau: „Alle Männer wollen nur das Eine!“ und was was die Männer alles tun, um es zu bekommen. Sie muss widerstehen, denn sonst ist nicht nur sie, sondern die ganze Familie entehrt. Ein paar Wochen später wendet sich die Tochter mit stolzer Miene an ihren Vater: „Vater, bist du ein Prophet? Es ist genau so gekommen, wie du es gesagt hast. Aber du wirst sehen, ich bin würdig, deine Tochter zu sein!“ Der Mann hat sich genauso verhalten, wie es der Vater gesagt hatte: Er hat sie eingeladen, erst zu einem Spaziergang, dann in seine Wohnung, hat sie bewirtet, mit ihr Musik gemacht und dann als sie spürte, dass der richtige Zeitpunkt gekommen war, umarmte und küsste sie ihn, stürzte sich auf ihn und nun ist er für immer vor all seinen Verwandten und Bekannten entehrt.
Ich habe dieses Märchen geliebt! Die Heldin dreht die herrschenden Moralvorstellungen einfach um. Jahrelang war es in meinem Repertoire!
Ich liebe auch Märchen, die sich mehr oder weniger dezent über Obrigkeiten lustig machen, wie „Merda„, das du auf dieser Webseite anhören kannst.
Die Geschichte „Von der Beutelratte, die sich fledermauste“ hat mir über viele Umbrüche im Leben hinweggeholfen. Das Märchen handelt von einer Beutelratte, die erkennt: „Ich bin zu alt für das Rattenleben und zu langsam für meine Arbeit, meine Beine sind schwer und wollen nicht mehr. Es ist an der Zeit, dass ich mich verwandle.“
Dann überlegt sie, was sie braucht und wie sie es erreichen will und beschließt: „Ich will eine Fledermaus werden, denn die können kommen und gehen, ohne dass man sie sieht und haben immer satt zu essen.“ Gesagt, getan. Die Beutelratte klettert auf einen Baum und hängt sich kopfüber an einen Ast, um sich zu fledermausen. Eine richtige Fledermaus sieht sie und erzählt ihr, was sie tun muss, um eine Fledermaus zu werden. Beutel und Schwanz braucht sie nicht mehr und reißt sie ab. Die Haut zwischen ihren Vorderbeinen dehnt sie, um Flügel zu bekommen. Aber vor dem Fliegen hat sie Angst. Da fliegt die Fledermaus davon, erzählt es den anderen Fledermäusen und die kommen neugierig angeflogen und lassen sich die ganze Geschichte erzählen. „Aber nun will ich fliegen und ich habe Angst“, endet die Beutelratte. Die Fledermäuse erklären ihr genau, wie das Fliegen geht. Die gefledermauste Beutelratte folgt dem Rat und fliegt kopfüber in ihr neues Leben.
Das Märchen ist ungeheuer lustig und doch enthält es eine genaue Anleitung, wie eine Veränderung gelingen kann:
- Wenn dein Leben nicht mehr zu dir passt, überlege dir eine Alternative.
- Stell dir genau vor, wie du leben willst.
- Entwickle ein Bild und überlege, was du tun willst und war du nicht tun willst, um dein Ziel zu erreichen.
- Leg los!
- Suche dir Unterstützung bei denjenigen, die schon dort sind, wo du hinwillst.
- Ein Tipp: Wenn du kurz vor der Umsetzung kalte Füße bekommst, suche dir jemand, der dir den ersten Schritt ganz genau erklärt.
Fazit
Dieser Artikel ist eine Reise mit einer Auswahl meiner Lieblingsmärchen. Ich freue mich, wenn du einen Blogartikel über deines schreibst und an meiner Blogparade teilnimmst.
Aufruf zur Blogparade

„Du bist, was du erzählst!“ Das ist meine Philosophie. Dazu gehören die Märchen und Geschichten, die du als Kind gehört und geliebt hast. Das sind auch die Geschichten über dich selbst, die Welt und das Leben. Mit meinen Märchen, Workshops und Blogartikeln will ich Frauen ermutigen, sich selbst zu ermächtigen und einen kritischen Blick auf die Narrative unserer Gesellschaft zu entwickeln. Wenn ich nicht gerade blogge oder Märchen erzähle, sitze ich mit einem Buch und meinen Katzen auf dem Sofa.
Vielen Dank, Carolin! Ich bin auch schon gespannt auf meinen Blogartikel! Liebe Grüße, Bettina
Danke, dass man Dich auf diese Weise so schön kennenlernen darf. Total spannend. Ich freue mich auf den Blogartikel von…
Das freut mich!
Ein sehr informativer Artikel.
Was für eine gute Idee! Das ist der nächste Schritt und so bietet auch das papierlose Büro märchenhafte Abenteuer...
Genau, das ist der Plan!
Wow tolle Idee 🤩👍 Klingt total spannend. Damit wird bestimmt selbst der langweiligste Bürojob zum Abenteuer.