
Als mein Umfeld vor gut 20 Jahren erfuhr, dass ich von nun an als Märchenerzählerin auftreten wollte, bekam ich von allen Seiten Märchenbücher geschenkt. Dazu gehörte die dreibändige Reihe: „An den Nachtfeuern der Karawan-Serail – Märchen alttürkischer Nomaden erzählt von Elsa Sophia von Kamphoevener“.
Diese Märchen faszinierten mich, obwohl sie meistens sehr lang sind, weit über die üblichen 10 – 15 Minuten, wie man es von Europäischen Märchen gewöhnt ist. Mit wenigen Ausnahmen dauern die Märchen mindestens 30 Minuten. Märchen von dieser Länge sind heutzutage an einem Märchenabend, der höchstens 90 Minuten dauert, fast nicht erzählbar.
Die abenteuerliche Geschichte, die die Sammlerin dieser Märchen über sich erzählte, regte meine Fantasie an und weckte in mir den Wunsch, es der Erzählerin gleich tun zu können, zumal ich selbst ein paar Jahre lang türkisch gelernt hatte.
Auf einem Schimmel reitend, als Mann verkleidet, von zwei Dienern ihres Vaters begleitet, ritt Elsa Sophia von Kamphoevener im Alter von 15 Jahren durch Anatolien. Nachts übernachtete in Karawansereien, lauschte den türkischen Erzählern ihre Märchen ab und durfte sogar selbst als Vertreterin des Märchenerzählers Mazarlyk-dji Fehim Bey Märchen erzählen. Dieser soll ihr sogar alle Rechte eines Maddha (in heutigem Türkisch Meddah, Märchenerzähler) verliehen haben.
In mir keimte eine Idee: ‚Wie wäre es, diese Märchen als Brücke zwischen der türkischen und der deutschen Kultur zu nutzen und Kindern wie Erwachsenen diese Märchen zu erzählen, um das gegenseitige Verständnis zu fördern?‘
Bei der Vorbereitung fand ich das Buch von Helga Moericke: „Die Märchenbaronin Elsa Sophia von Kamphoevener“ und meine ganze Begeisterung für die von Kamphoevener fiel in sich zusammen wie ein Kartenhaus.
Nicht einmal die Hälfte ihrer Geschichte ist wahr. Über ihre Lebensgeschichte und die Herkunft ihrer Märchen breitete sie nicht den Mantel des Schweigens, sondern einen kunstvoll gewebten und verzierten orientalischen Schleier, der manches hervorhob, anderes verbarg und die graue Wirklichkeit durch fantasievolle Muster ersetzte.
Als ich das erfuhr, wollte ich von der von Kamphoevener nichts mehr wissen, heute weiß ich: Alle Sammler*innen verschleiern ihre Quellen, schönen sie, entweder um sich selbst oder ihre Märchen ins rechte Licht zu rücken. Manche haben, wie Elsa Sophia von Kamphoevener, auch eine Mission.
Doch wenden wir uns nun Elsa Sophia von Kamphoevener zu: Was ist die Wahrheit? Was ist gut erfunden? Offenbart ihre Geschichte eine tiefere Wahrheit?
Leben in der Türkei
Elsa Sophia von Kamphoevener (* 14. Juni 1878 in Hameln; † 27. Juli 1963 in Marquartstein) hat tatsächlich ab Juni 1883 in Istanbul gelebt, das von den Deutschen damals immer noch Konstantinopel genannt wurde. Ihr Vater Louis von Kamphövener war im Rahmen der türkisch-deutschen Militärkooperation im 19. und 20. Jahrhundert als Major und zudem ab 1895 als osmanischer Muschir (Marschall) mit dem Titel eines Paschas ein deutscher Reorganisator der osmanischen Armee.
Elsa Sophia war sehr wissbegierig und neugierig. Sie lernte 8 Sprachen, nämlich Türkisch, Französisch, Englisch, Griechisch, Italienisch, Russisch, Armenisch und Arabisch. In ihrer Schulzeit an der Deutschen Schule in Istanbul feierte sie die Feiertage aller Religionen mit und war in allen Kirchen und Moscheen zu Hause.
1886 geriet sie zusammen mit ihrer Familie bei der Überfahrt über das Schwarze Meer in Seenot und betete laut und inbrünstig zu Gott um Rettung. Schon damals fand sie Halt in sich selbst und klammerte sich nicht hilfesuchend an ihre Mutter.
Im Alter zwischen zwölf und sechzehn Jahren besuchte die von Kamphövener eine Schule für Höhere Töchter in Hildesheim und kehrte danach in die Türkei zurück. 1900 heiratete sie zum ersten Mal und bekam einen Sohn. Die Ehe war nicht glücklich und die von Kamphövener nicht gesund. Zudem rauchte sie bis zu 70 (!!!) türkische Zigaretten pro Tag. Immer wieder war sie zu Kuraufenthalten in Wiesbaden.
Leben in Deutschland
1906 verließ sie ohne Mann und Kind die Türkei für immer. 1908 wurde sie schuldig geschieden und durfte ihr Kind bis zu seinem 15. Geburtstag nicht mehr sehen. Ihr Verhältnis zu Kindern blieb bis zu ihrem Lebensende schwierig. Zu den Kindern ihrer Ehemänner aus erster Ehe hatte sie ein schlechtes Verhältnis. Sie hat auch niemals Kindern Märchen erzählt, denn ihre Märchen waren, nach eigener Aussage, Märchen von und für Männer.
1908 heiratete sie den Arzt Dr. Ernst Marquardsen, der schwer herzkrank war und 1921 starb. Ihre Laufbahn als Schriftstellerin begann 1915 während des 1. Weltkriegs mit einem bemerkenswerten Artikel, den sie in einer konservativen Zeitschrift veröffentlichte. Sie beschrieb die türkische Kultur und den Islam mit viel Liebe und Hochachtung, zeigte sich weltoffen und tolerant.
Sie hatte sogar einen eigenen Verlag, den Schahin-Verlag Else Marquardsen, Darmstadt, Spezialität: Populäre Orientalistik. Sie gab Trivialromane heraus, die vom Liebesleben orientalischer Königstöchter handelten. Diese wurden vom Publikum aber nicht angenommen, so dass sie den Verlag 1922 wieder schließen musste.
Sie erklärte in dieser Zeit den Namen Else Marquardsen-Kamphövener zu ihrem Schriftstellernamen und behielt ihn bis zum Jahr 1945.
In ihren ersten beiden Büchern wollte sie die Türkei den Deutschen näher bringen. Aber schon in diesen Büchern wurde der Widerstreit zwischen ihrer deutsch-nationalen Gesinnung und ihrer Liebe zur Türkei durch Formulierungen, die die Blut- und Bodenideologie des 3. Reiches vorwegnehmen, sichtbar.
Am 1. April 1933 trat sie in die NSDAP ein, wurde aber schon im Juni desselben Jahres aus der Mitgliedskartei gestrichen, weil sie ihren Mitgliedsbeitrag nicht bezahlte und ihren Umzug von München nach Berlin nicht anzeigte. Ihre Wiederaufnahmeantrag, den sie 1935 stellte, wurde aufgrund der Mitgliedersperre abgelehnt.
Sie publizierte zwischen 1915 und 1939 zahlreiche Artikel in Zeitschriften, 18 Romane, ein Sachbuch und eine Komödie. Ab 1928 waren die Heldinnen nicht nur sittlich reine und hochgewachsene junge Frauen von nordischer Edelrasse, sondern auch blond.
Sie heiratete noch zweimal und wurde jedes Mal geschieden. Nach jeder Scheidung musste sie neu anfangen, auch finanziell. Nach 33 Jahren und vier Ehen erkannte sie im Alter von 55 Jahren, dass ihr die Rolle der Ehefrau und Mutter nicht lag.
Im 2. Weltkrieg ging sie von 1942 bis 1944 als Märchenerzählerin im Rang eines Oberstleutnants an die Front und erzählte den Soldaten Märchen alttürkischer Nomaden. Sie erhielt den Rang des Oberstleutnants, um ein Anrecht auf ein Einzelzimmer zu haben. Sie war absolut furchtlos und ließ sich an die vorderste Front versetzen. Sie errang dadurch und durch ihre Märchen die Achtung der Soldaten und wurde von ihnen „Kamerad Märchen“ genannt.
Der Titel „Kamerad Märchen“, den ihr die Soldaten verliehen, ist umso bemerkenswerter, als die von Kamphoevener sich für gewöhnlich unnahbar und arrogant zeigte.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde ihre Berliner Wohnung ausgebombt. Sie verlor ihr gesamtes Hab und Gut und musste mit 67 Jahren noch einmal neu anfangen, sich neu erfinden. Es wird sogar erzählt, sie habe damals nicht einmal ein eigenes Bett gehabt, sondern habe bei Freunden in der Badewanne geschlafen. Schließlich musste sie auch die Badewanne räumen. Zwischen 1945 und 1952 hatte sie keinen festen Wohnsitz und versuchte sich in Süddeutschland eine neue Exisistenz aufzubauen, indem sie Vorträge hielt und Türkische Märchen erzählte. Damals nahm sie den Namen Baronin Elsa Sophia von Kamphoevener an.
1951, mit 73 Jahren, wurde sie vom Süddeutschen Rundfunk als Märchenerzählerin entdeckt und machte danach Aufnahmen in allen deutschensprachigen Rundfunksendern. .
Auf einem Schimmel reitend…
Frau von Kamphoevener konnte gar nicht reiten. Sie wollte nach ihrem Aufenthalt in der Schule für Höhere Töchter in Deutschland unbedingt ein Pferd haben und reiten lernen. Sie setzte schließlich ihren Willen durch, aber sie war keine gute Reiterin. Bei ihrem ersten Ausritt kehrte das Pferd allein zurück. Nie wieder hat sie sich danach aufs Pferd gesetzt.
… durch Anatolien
Die von Kamphoevener wäre ihr Leben lang gerne nach Anatolien gereist, aber sie war nie dort.
Als Mann verkleidet…
Ihr Vater hätte ihr niemals erlaubt, sich in Männerkleidung zu zeigen. Er wollte ihr nicht einmal erlauben Tennis zu spielen. Bei diesem Sport trugen die Damen damals schon skandalös kurze Röcke bei denen man die Fesseln und die Schuhe sehen konnte! Die von Kamphoevener war hochgewachsen und hatte so große Füße, dass man sie nicht sehen sollte. Sie setzte sich aber gegen den Vater durch. Sie liebte den Sport und richtete sogar Tennisparties aus.
In Karawansereien den Erzählern ihre Märchen abgelauscht…
Die Märchen, die sie erzählte, hat sie wahrscheinlich in ihrer Kindheit von den Bediensteten ihrer Eltern oder auf dem Basar gehört. Sie hat sich aber auch an der Sammlung von Ignaz Kúnos (* 22. Oktober 1860 – † 12. Januar 1945) bedient. Achzehn von den dreißig Märchen in ihrem dreibändigen Werk „An den Nachtfeuern der Karawan-Serail“ basieren auf den Märchen, die Kúnos gesammelt hat. Kúnos war ein ungarischer Linguist, Türkologe, Folklorist und korrespondierendes Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Er war zu seiner Zeit einer der anerkanntesten Gelehrten der türkischen Volksliteratur und der türkischen Dialektologie. 1905 veröffentlichte er das Buch „Türkische Volksmärchen aus Stambul“, „Türkische Märchen aus Adakale“, 1906.
Sie hat Kúnos‘ Märchen nicht einfach in ihren eigenen Worten widergegeben, sondern zentrale Motive herausgegriffen und ihre eigene Märchenwelt erschaffen. Sie war Autorin, keine Erzählerin im eigentlichen Sinn. Die Menschen, die ihren Märchen begeistert lauschten, merkten das nicht, denn damals waren Türkische Märchen in Deutschland noch nicht so bekannt wie heute, obwohl schon 1925 ein Band Türkischer Märchen von Diederichs in der Sammlung „Die Märchen der Weltliteratur“ erschienen war.
Mazarlyk-dji Fehim Bey, der Märchenerzähler
Er ist wahrscheinlich eine Erfindung von Elsa Sophia von Kamphoevener. Von Forschenden konnte er nicht gefunden werden.
Marketing oder Sehnsucht nach der Türkei?
Sie verschleierte so gekonnt die Herkunft ihrer Märchen, dass bis heute viele Menschen, auch Märchenerzähler*innen, ihrer märchenhaften Geschichte Glauben schenken:
„Es war einmal eine junge Frau, die ritt auf einem weißen Pferd als Mann gekleidet und von zwei Dienern ihres Vaters begleitet durch Anatolien. Sie übernachteten in Karawansereien. Dort lauschte die junge Frau den türkischen Märchenerzählern. Einen, Mazarlyk-dji Fehim Bey, lernte sie näher kennen. Schließlich erlaubte er ihr, seine Märchen weiter zu erzählen…“
Sie war eine Exzentrikerin, die auffiel. Sie war hochgewachsen, hatte eine dunkle Stimme, saß auf einem Tisch oder einem Hocker und baumelte mit den Beinen, während sie ihre Märchen erzählte und nicht etwa vorlas! Sie trug am liebsten Kimonos und Pumphosen (und das zu einer Zeit in der Frauen, die Hosen trugen, in internationalen Hotels nicht bedient wurden!) und war als Hosendame bekannt.
Am Ende ihres Lebens lebte sie bei ihrer Freundin Ilse Wilbrandt (1897–1978) in Marquartstein am Chiemsee. Ihre Rundfunksendungen waren Straßenfeger, ihre Märchenbücher Bestseller. Sie wurde so wohlhabend, dass sie sich das Reisen wieder leisten konnte. Zusammen mit ihrer Freundin reiste sie nach Venedig, Rom, Amalfi und Ischia. Oft fuhren die beiden Damen mit dem Taxi zum Chiemsee auf die Fraueninsel, nach Wien oder Salzburg.
Die Rollen zwischen den beiden Frauen waren klar verteilt: Die von Kamphoevener verdiente das Geld, Ilse Wilbrandt führte den Hauhalt und managte die von Kamphoevener.
Die von Kamphoevener liebte es mit großer Theatralik auf Sitten und Gebräuche „bei uns im Orient“ hinzuweisen, indem sie bspw. ein Brot, das auf der Straße lag, aufhob, so tat, als ob sie es küsste und dann an den Straßenrand legte, damit niemand darauf treten konnte.
Denn auch im Orient ist das Brot heilig. Bei Ausgrabungen in der berühmten archäologischen Stätte von Çatalhöyük in Anatolien wurde eine kleiner Leib Brot gefunden. Es war 8600 Jahre alt. Anatolien war lange Zeit die Kornkammer Kleinasiens.
Resümée
Durch diesen Artikel habe ich die Märchenbaronin Elsa Sophia von Kamphoevener neu entdeckt. ich bewundere ihre Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden. Ich bin traurig darüber, dass sie sich den Nazis angedient hat. Sie war eine widersprüchliche Persönlichkeit, die nicht aus ihrer Haut heraus kam: Konservatives, patriarchales, wohlhabendes Elternhaus. Sie war anspruchsvoll, auch materiell, widersprüchlich, unglauchlich fleißig und eigenständig und unabhängig in einer Zeit, die Frauen diese innere Unabhängigkeit nicht zugestand. Sie war eine Individualistin, die gesellschaftliche Anerkennung suchte, eine Exzentrikerin zwischen Anpassung und Rebellion.
Sie konnte über eine Stunde Märchen erzählen (die meisten ihrer Märchen sind wirklich lang, 20 Minuten und länger!), ohne auch nur den kleinsten Spickzettel zu gebrauchen. Sie war eine Meisterin der Improvisation. Deswegen gibt es von ihren Märchen, die beim Rundfunk aufgenommen wurden, viele Varianten, die sich auch wieder von den Märchen, die sie in ihren Büchern veröffentlich hat, unterschieden.
Sehr selbstbewusst ist ihre Reaktion auf Herrn Krafft, den Leiter eines Puppenspielmuseums, der davon spricht, dass sie Märchen liest. Ihre Biografin Helga Moericke zitiert aus einem Brief an ihn: „Eine „Lesung“ verlangen Sie von mir! Von mir – eine Lesung! Tut nichts – kann ich nicht – tue ich nicht. Dann müssen Sie aus einem Ihrer Bücher vorlesen – ganz allein – ist auch billiger, denn Sie hatten mir DM 300 zugesagt, Hälfte für Vortrag, Hälfte für Spesen.“
Wunderbar, dass es Dich und Deine Arbeit gibt. Märchenerzählen versus digitaler Overload. Mach weiter so!
Liebe Bettina, danke, dass du Frauenmärchen lebendig erhältst und weitergibst! Als ich jünger war, habe ich eine Zeitlang auch solche…
Das gefällt mir; ein sehr fundierter Artikel, er erklärt gut wozu (d)ein Märchentisch gut ist und was die Gegenstände bedeuten.…
Super Schön geschrieben Danke zorica Märchenerzählerin
Märchentisch kannte ich noch gar nicht. Die Idee ist so simpel und wunderschön. Pannesamt kostet ja nicht die Welt und…
Hab gerade deinen Artikel gelesen. Ich kenne dich ja auch schon ziemlich lange. Hab gerade ein wenig Pipi in den…
Laut Wikipedia ist der Gruß "Mahlzeit!" die seit dem 19. Jhd. gebräuchliche Abkürzung von "Gesegnete Mahlzeit!". "Mahlzeit!" findet sich schon…