Aufgeschlagenes Buch mit Märchentext auf beiden Seiten und einer schwarz-weißen Illustration einer Figur mit Zepter und Kragen auf der rechten Seite

Als Judith Peters in der Content Society den Aufruf zur Blogparade gestartet hat, fiel mir zuerst kein Thema ein. Im Co-Blogging mit Sandra Hoppenz fragte ich ganz verzweifelt: „Kann ich das Thema: „Das ist mein Lieblingsmärchen und so beeinflusst es mich noch heute“ nehmen oder ist das zu schlicht?“ Nun, Sandra bestärkte mich, das Thema zu wählen. Es durfte leicht sein, juhu!

Ich habe auf zwei bis drei Artikel gehofft, denn die wurden mir von meinen FreundInnen zugesagt.

Insgesamt haben sechs Leute an meiner Blogparade teilgenommen. Ich bin begeistert, denn danit hatte ich nicht gerechnet!

Der Titel unseres Abschlussabends im Märchenzentrum DornRosen hat sich also bewahrheitet: „Lebenszeit – Märchenzeit“.

Märchen beeinflussen uns  das ganze Leben, wenn wir uns auf sie einlassen. Gerade die Märchen der Brüder Grimm sind Teil der westlichen Kultur und beeinflussen sie noch heute. Für fünf Teilnehmende der Blogparade sind die Märchen  ein guter Einfluss, für eine Teilnehmerin jedoch ein schlechter. Sie hat meinen Aufruf zur Blogparade für eine feministische Analyse des Frauen- und Hexenbilds in Europäischen Volksmärchen genutzt und sich so mit dem Thema auseinandergesetzt.

Was dich erwartet auf einen Blick

Sechs Zugänge zu Märchen, genauso vielfältig wie die Welt der Märchen, die unsere Kultur stärker beeinflusst als gedacht.

Die sechs Blogartikel in chronologischer Reihenfolge

Der Artikel von Jenni Kappes von https://sonnenkinderleben.de hinterfragt patriarchale Frauenbilder in Europäischen Volksmärchen, in denen Mädchen und Frauen entweder als hilfsbedürftige Prinzessinnen oder böse Hexen dargestellt werden.

Das eigentliche Problem liegt deshalb nicht in der einzelnen Erzählung, sondern im wiederkehrenden Muster: Weibliche Figuren, die unabhängig sind, Wissen besitzen oder außerhalb erwarteter Rollen handeln, werden überproportional oft als Gefahr markiert. Nicht als selbstverständlich, nicht als differenziert, sondern als etwas, das eingegrenzt oder neutralisiert werden muss.

Der Artikel stellt einen Zusammenhang zwischen dem historischen Bild der „Hexe“, der Hexenverfolgung und bis heute wirkenden gesellschaftlichen Vorstellungen darüber her, wie Frauen sich verhalten sollten. Anhand verschiedener Bücher wird gezeigt, wie weibliche Autonomie und Lebensentwürfe normiert und bis heute als richtig bzw. falsch bewertet werden. Der Artikel plädiert dafür, Märchen gemeinsam mit Kindern kritisch zu betrachten und Frauenfiguren neu zu erzählen – nicht nur als Prinzessinnen oder böse Hexen, sondern als selbstbestimmte, wissende und handelnde Frauen.

Hier kannst du den Artikel nachlesen:

Hexenbild und Frauenbilder: Was Märchen wirklich erzählen

Tina Baier erzählt von Märchen, die sie über ihre Kindheit hinaus begleiten und ihr in unterschiedlichen Lebensphasen neue Perspektiven eröffnet haben. Besonders „Die Störche“ von Hans Christian Andersen prägt ihren Blick auf Tiere, Natur und die Verantwortung des Menschen und vermittelt ihr die Botschaft, sich nicht von den Worten anderer bestimmen zu lassen. Mit „Das Tränenkrüglein“ von Ludwig Bechstein verbindet sie die Erfahrung von Abschied und Trauer und die Erkenntnis, dass Loslassen nicht bedeutet, weniger zu lieben.

So ist diese alte Erzählung für mich zu einem Bild geworden, das mich begleitet. Sie erinnert mich daran, dass Trauer sich verändern darf, ohne dass die Liebe zu den Menschen, von denen ich Abschied nehmen musste, kleiner wird. Loslassen bedeutet nicht, weniger zu vermissen, sondern der Liebe einen anderen Platz zu geben.

Beide Märchen zeigen für sie, wie Geschichten uns in unterschiedlichen Lebensphasen finden und zu persönlichen Begleitern werden können.

Hier geht’s zu ihrem Artikel: Ein Märchen, das mich bis heute begleitet

In diesem Blogbeitrag erkennt Uwe Kress von Sensible Helden zunächst, dass er sich an kein bestimmtes Märchen aus der Kindheit erinnert. Stattdessen tauchen einzelne, prägende Bilder auf: das selbstgebaute Kasperletheater seiner Stiefmutter,  Szenen aus einem Film, den er in seiner Kindheit gesehen hat sowie eine düstere Sumpflandschaft aus einer Mecki-Bildergeschichte. Uwe erkennt, dass er kein Lieblingsmärchen, sondern ein Lieblingsbild hat, nämlich den Brunnen aus dem Märchen von Frau Holle. Für ihn ist er ein Sinnbild für einen Durchgang in eine andere, verwandelte Wirklichkeit  – vergleichbar mit dem schamanischen Abstieg in die untere Welt, dorthin, wo Verwandlung möglich ist. In der folgenden Nacht stößt er beim Durchsehen alter Dias zufällig auf sein früheres Märchenbilderbuch, was die Symbolik des Brunnens für ihn noch verstärkt.

Vielleicht beeinflusst mich mein Lieblingsmärchen gerade deshalb bis heute, weil es keines ist – sondern ein Bild vom Übergang. Es erinnert mich daran, dass unter der Oberfläche des Vergessenen eine andere Welt liegt. Dass es sich lohnt, hinabzusteigen, auch wenn man nicht weiß, wo man landet. Und dass Menschen, die Bilder tief aufnehmen und lange in sich tragen, keine Träumer sind – sondern Brunnenspringer.

Hier geht’s zu seinem Blogartikel: Mein Lieblingsmärchen? Der Brunnen als Durchgang

In diesem Blogbeitrag erklärt Inga von Wildkrautbraut, warum Andersens Märchen „Die wilden Schwäne“ ihr Lieblingsmärchen ist: Sie bewundert vor allem die stille, wortlose Leidensfähigkeit der Elisa, die jahrelang schmerzhafte Brennnesseln erntet, um daraus Hemden zu weben und ihre verzauberten Brüder zu erlösen. Als Kräuterpädagogin deutet sie das Märchen zugleich als verstecktes Wissen über die Brennnessel als traditionellem Faserstoff, aus dem früher tatsächlich Textilien, nämlich Nesselstoff hergestellt wurde. Das ist echte, weibliche Handwerkskunst!

Die Brennnessel lässt sich als Nahrung, Heilmittel, Faser für Stoff und Seil nutzen und für vieles mehr. Nur: Ihre wertvollen Wirkstoffe und Fasern gibt sie nicht freiwillig her. Wer sie nutzen will, muss einiges können. Wissen, wie man sie möglichst schmerzfrei erntet. Wissen, wie man überhaupt an die Fasern kommt und wie man sie dann verarbeitet und verwebt. Fähigkeiten, die immer seltener werden. Fähigkeiten, die man heute eher belächelt und verlacht, statt sie klug zu nutzen. Dabei steckt in dieser einen Pflanze so viel: Nahrung, Heilmittel, Stoff, Seil und noch so viel mehr, …

Die Brennnessel ist im Märchen kein zufälliges Kraut. Sie ist Werkstoff, Prüfung und Liebesbeweis in einem. Da kann die Rose, DIE Pflanze der Liebe, lange nicht mithalten.

Sie zieht eine Linie von Elisa, die am Ende sogar als Hexe auf dem Scheiterhaufen landet, zu den historischen Kräuterfrauen und Hebammen, die für ihr Heilwissen verfolgt wurden, und sieht darin ein Sinnbild für stille weibliche Stärke ohne große Worte oder Anerkennung. Abschließend beschreibt sie, wie sehr sie sich selbst in Elisas Geduld, Loyalität und Durchhaltevermögen wiedererkennt, und fragt ihre Leserschaft, welches Märchen und welches Bild sie selbst ein Leben lang begleitet.

Hier geht’s zum Blogartikel: Die wilden Schwäne: Mein Lieblingsmärchen über stille Stärke

In ihrem Artikel stellt die Erzählerin Heike Appold das bulgarische Märchen „Das linke Auge des Königs“ als ihr Lieblingsmärchen vor. Darin verkauft ein Vater seinen Ochsen für das linke Auge des Königs, weil seine kluge Tochter ihn darum gebeten hat. Sie will vor den Herrscher zu gelangen und ihm seine Ungerechtigkeit gegenüber den Armen vorhalten. Das gelingt ihr auch und nach anfänglichem Zorn stellt der König sie auf die Probe.

Also holt er sie aus dem Gefängnis und verspricht ihr die Freiheit, wenn sie ihm sagen kann, was sein Königreich wert ist. Sie erklärt, sie wird es ihm sagen, wenn sie eine Woche regieren darf. Der König stimmt zu. Ihre Antwort aber erzürnt ihn: Sein Königreich sei ein Brathähnchen wert. Der König will sie zurück in den Kerker werfen, doch sie gebietet ihm Einhalt. Jetzt regiere sie, in einer Woche könne er tun was ihm beliebt, aber jetzt regiere sie. Nun dreht sie den Spieß herum und lässt ihn ins Gefängnis werfen, ohne Nahrung. Zwei Tage später macht sie sich auf den Weg in den Kerker, ein frisches Brathähnchen in der Hand. Vor seiner Zellentür geht sie auf und ab und der Duft des Hähnchens kriecht zum König hinein. Natürlich will der König das Brathähnchen und er bietet ihr Gold, Edelsteine und schließlich sein ganzes Königreich für das Brathähnchen. Da erwidert sie ihm: „Habe ich es Euch nicht gesagt? Euer Königreich ist ein Brathähnchen wert.“ Sie öffnet die Tür und gibt ihm das Brathähnchen.

Da erkennt der König, dass sie tatsächlich klug ist und macht sie zu seiner ersten Beraterin. Die Autorin schätzt an der Geschichte, dass es darin keine eindeutigen Bösewichte gibt, sondern nur Figuren, die noch lernen müssen zu sehen, und sie deutet Vater, Tochter und König jeweils als Sinnbilder für Vertrauen, mutige Entschlossenheit und die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Abschließend zieht sie eine Parallele zur Gegenwart und kritisiert, dass heutige Kritiker im Unterschied zum klugen Mädchen eher über Mächtige lamentieren statt mit ihnen ins direkte Gespräch zu gehen, wodurch eher Ängste geschürt als echte Veränderungen bewirkt würden.

Hier geht’s zum Blogartikel: Das ist mein Lieblingsmärchen  und so beeinflusst es mich noch heute

In ihrem Blogartikel überlegt die Autorin und Fantasy-Autorin Birgit Susemihl, ob sie überhaupt ein eindeutiges Lieblingsmärchen hat, und stellt zunächst ihre liebsten Märchenmotive vor, darunter starke, Frauen, die klug und mutig sind, die Initiative ergreifen und die Handlung voran bringen, Antihelden, weise alte Menschen, helfende Tiere, magische Wesen wie Drachen, ausführliche Suchwanderungen sowie die Bedeutung von Sprache und Zaubersprüchen. Das Märchen, das sie seit ihrer Kindheit begleitet, ist „Brüderchen und Schwesterchen“ der Brüder Grimm, in dem ein Junge durch einen verwunschenen Brunnen in ein Reh verwandelt wird und seine Schwester ihn fortan beschützen muss. Besonders prägend sind für sie zwei Bilder aus der Geschichte: das Motiv des sprechenden, verwunschenen Brunnens, an das sie bis heute beim Wandern erinnert wird, sowie der emotionale Moment, in dem die Schwester ihrem Bruder erlaubt, trotz der Jagd des Königs in den Wald zu gehen, obwohl sie große Angst um ihn hat. Sie verbindet diese Szene mit eigenen Kindheitserinnerungen an ihre Katzen während der Jagdzeit und leitet daraus eine allgemeine Reflexion darüber ab, wie schwer es sein kann, folgenreiche Entscheidungen für andere Menschen zu treffen.

Beim Erwachsenwerdenlernt man dann: Es kann im Leben Situationen geben, in denen man eine möglicherweise folgenschwereEntscheidung für jemand anderentreffen muss… Ich finde dasunendlich viel schwerer,als für mich selbst etwas zu entscheiden. Ich wünsche mir für diese Art von Situation einerseits Schwesterchens Empathie für das Brüderchenund dessen Herzenswunsch, andererseits genugVerstand und Abstand,dass ich die vernünftigen Gegenargumente nachvollziehen kann. Und ich wünsche mir dieKraft, zwischen beidem abzuwägenund das Richtige zu entscheiden.

Hier geht’s zum Blogartikel: Was ist mein Lieblingsmärchen?